Um die traditionsreiche Geschichte der Ulmer Omnibusmarke Setra ging es einem Workshop für 80 europäische Fachjournalisten aus 15 Ländern im Setra-Kundencenter in Neu-Ulm. Im Mittelpunkt standen die legendäre, damals vor 40 Jahren aufgelegte Baureihe 200 sowie 25 Jahre Baureihe 300 - mit der die längst branchenüblichen, damals aber futuristischen Rückspiegel eingeführt wurden.

Um den Mythos Setra - die Marke gibt es seit 65 Jahren - ging es auch im Kässbohrer-Haus im Ulmer Fischerviertel, das vom Setra-Produzenten Daimler komplett neu eingerichtet wurde. Im "Haus der Weinrebe" an der Blau wurden natürlich nie Busse gebaut, aber es ist das Stammhaus von Firmengründer Karl Kässbohrer (1864-1922). Heute ist das renovierte Fachwerkhaus als Begegnungsstätte für Kunden und Gäste der Marke Setra konzipiert. Der Rundgang durch die Vergangenheit beginnt 1480, als das Haus erbaut wurde. Der nächste Meilenstein ist die Firmengründung 1893, als sich Wagnermeister Kässbohrer anfangs auf elegante Kutschen spezialisiert hatte. Das erste motorgetriebene Kombi-Fahrzeug wurde 1907 für den Brauereigasthof "Kalte Herberge" in Klingenstein gebaut. Dies war gleichzeitig das erste Nutzfahrzeug aus Ulm überhaupt. Der erste Omnibus für die Linie Ulm-Wiblingen kam 1911.

Mit der Geburtsstunde von Setra 1951 rückt die nächste Generation mit Otto Kässbohrer (1904-1989) in den Mittelpunkt. Er hatte nicht nur die selbsttragende Konstruktion ins Leben gerufen, sondern einen ganzen Industriezweig gestaltet und geprägt, wie es bei Daimler in einer Würdigung heißt. Das erste Fahrzeug war der S 8. In sechseinhalb Jahrzehnten gab es sechs Baureihen mit 107.000 verkauften Reise- und Linienbussen bis Ende 2015. Fast ein Drittel entfällt auf die volumenstarke Baureihe 200, die von 1976 bis 1991 in der Weststadt entstand.

Mit diesen Fahrzeugen gelang Kässbohrer auch ein Neustart in den Vereinigten Staaten. Der Anstieg der Stückzahlen von anfangs 1300 Einheiten auf 2300 im Schlussjahr der Reihe verschärfte dann auch die Enge im alten Ulmer Werk. Es gab außerdem 78 Typenreihen.

Die Baureihe 300 stand zu der Zeit kurz vor ihrer Premiere, nur noch wenige Setra-Pioniere aus dem Umfeld von Otto Kässbohrer wirkten daran mit. Neue Berechnungsprozesse, Technologien, Werkstoffe und der verstärkte Einsatz elektronischer Bauteile bestimmten das Bild. Außerdem rückten die Emissionen von Abgasen und Lärm in den Fokus der Gesetzgebung. Der Omnibusbau startete mit der Baureihe in ein neues Zeitalter und Kässbohrer-Setra war wieder einmal technologisch führend.

Das vorausschauende Management Otto Kässbohrers führte auch dazu, dass das traditionsreiche Unternehmen als Platzreserve frühzeitig die ersten 100.000 Quadratmeter Industriefläche im Pfuhler Ried in Neu-Ulm gekauft hatte. Heute umfasst das Anfang der 90er Jahre entstandene Busmontagewerk eine Gesamtfläche von 640.000 Quadratmetern mit einer überbauten Fläche von 216.000 Quadratmetern.

Von Otto Kässbohrer heißt es, er habe nie zu viel gefordert oder Druck gemacht, sondern die anderen mit Beispielen und Fakten motiviert. Das Resultat dieser Einstellung fasste ein bekannter Berliner Busunternehmer einmal in dem Satz zusammen: "Selten habe ich erlebt, dass Unternehmerpersönlichkeit und Produkt so viele Gemeinsamkeiten aufweisen."

Otto Kässbohrer hatte die Geschäftsführung von seinem älteren Bruder Karl 1974 übernommen, danach kam die dritte Generation mit Karl und Heinrich Kässbohrer ans Ruder. Das Familienunternehmen, das auch Anhänger und Pistenbullys herstellte und in der Spitze fast 10.000 Mitarbeiter beschäftigte, geriet dann jedoch in eine finanzielle Krise und wurde zerschlagen. Daimler übernahm 1995 die Marke Setra.