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Sophie Scholl
Ulm / Michael Kuckenburg

Es war vermutlich einzigartig in Deutschland, aber selbst in Ulm ist es nur wenig bekannt: Schüler aus ein und derselben Klasse des humanistischen Gymnasiums (heute Humboldt-Gymnasium) Ulm engagierten sich – in zwei getrennten Gruppen – gegen die NS-Diktatur. Die eine verschickte Flugblätter der „Weißen Rose“, die andere verbreitete Aufrufe gegen die „Euthanasie“. Von ihrem Gewissen geleitet, haben sie sich unter Einsatz ihres Lebens einer übermächtigen Mordmaschinerie entgegengestellt – wohlwissend, dass auf „Hochverrat“ und „Feindbegünstigung“ die Todesstrafe stehen konnte.

Es ist Montag, 19. April 1943, 21.45 Uhr. Im Sitzungssaal Nr. 216 des Münchner Justizpalastes verkündet der „Volksgerichtshof“ das Urteil, die Öffentlichkeit besteht aus Gestapo-Männern, hohen Offizieren und Parteifunktionären. Gleich zu Prozessbeginn hat Roland Freisler klargemacht: „Wir brauchen kein Recht! Wir brauchen kein Gesetz! Wer gegen uns ist, wird vernichtet!“ Acht Wochen zuvor sind Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst zum Tode verurteilt und sofort geköpft worden; jetzt verurteilt der Präsident des Volksgerichtshofs nach 14-stündigem Prozess die Mitglieder der „Weißen Rose“, Prof. Kurt Huber, Alexander Schmorell und Willi Graf ebenfalls zum Tode.

Die Anklageschrift ist gestaffelt nach der „Schwere des Verbrechens“: Der Ulmer Schüler Hans Hirzel (1924-2006) steht auf Platz 4 der 14 Angeklagten, direkt hinter den drei zum Tode Verurteilten. Worin bestand sein „Verbrechen“?

Sophie Scholl hatte am 25. Januar 1943 rund 2000 Exemplare des fünften „Weiße Rose“-Flugblatts im Rucksack von München zu Hans Hirzel nach Ulm gebracht. Der hatte sie am gleichen Tag zunächst in der Orgel in der Ulmer Martin-Luther-Kirche – sein Vater war dort Pfarrer – versteckt, anschließend zusammen mit seinem Klassenkameraden Franz Müller (1924-2015) kuvertiert und heimlich verschickt.

Unerwartet gnädig

Freisler ist unerwartet gnädig, obwohl dem Volksgerichtshof auffällt, „dass aus einer Klasse drei Schüler in dieser Sache erscheinen. Da muss etwas nicht stimmen, was am Geiste dieser Klasse liegt. Man schämt sich, dass es eine solche Klasse eines deutschen humanistischen Gymnasiums gibt!“ Hans Hirzel und Franz Müller kommen mit fünf Jahren Gefängnis davon, ihr Klassenkamerad Heiner Guter (1925-2015) erhält als Mitwisser 18 Monate Gefängnis. Hans Hirzels Schwester Susanne (1921-2012), die bereits das Abitur abgelegt hat, wird als Mittäterin zu 6 Monaten verurteilt. Ihr kommt zugute, dass sie – groß, blond, blauäugig - dem Ideal der „deutschen Frau“ entspricht.

Was der Präsident des Volksgerichtshofs nicht weiß: In der gleichen Klasse gab es zwei weitere Schüler (inzwischen zur Wehrmacht eingezogen), die sich Hitler aktiv entgegengestellt haben: Walter Hetzel und Heinz Brenner. Beide haben, ohne es zu wissen, viel mit der „Weißen Rose“ zu tun.

Walter Hetzel (Jahrgang 1924) hat Ende 1941 Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen gegen die „Euthanasie“ im Sekretariat der Suso-Kirche heimlich mit jeweils mehreren Durchschlägen abgetippt. Sein Freund Heinz Brenner (1924-2008) hat diese Kopien von Stuttgart aus an Ulmer Adressen versandt, zum Beispiel an seine Lehrer – und an die Familie Scholl. Inge Scholl erinnert sich in ihrem Buch „Die Weiße Rose“: „Im Frühjahr 1942 fanden wir wiederholt hektographierte Briefe ohne Absender in unserem Briefkasten. Sie enthielten Auszüge aus Predigten des Bischofs von Münster, Graf Galen, und sie verbreiteten Mut und Aufrichtigkeit. Hans ist tief erregt, nachdem er diese Blätter gelesen hat. ‚Endlich hat einer den Mut zu sprechen‘ Eine Zeitlang betrachtet er nachdenklich die Drucksachen und sagt schließlich: ‚Man sollte einen Vervielfältigungsapparat haben.‘“

Die Gestapo hat hektisch nach den Verteilern der Briefe gefahndet, ist den beiden Schülern – im Unterschied zur Gruppe um Hans Hirzel – aber nicht auf die Spur gekommen.

An der Widerständigkeit der Ulmer Schüler haben die Kirchen großen Anteil. Ernst Hirzel, der Vater von Hans und Susanne, ist evangelischer Pfarrer; Heinz Brenner, Heiner Guter, Walter Hetzel und Franz Müller nehmen am freiwilligen katholischen Religionsunterricht – der Religionsunterricht an der Schule ist seit 1941 verboten – bei Pater Adolf Eisele im Kaufmannsheim in der Glöcklerstraße 37 teil und werden dort gegen die Nazi-Ideologie immunisiert. „Der hat uns auf alles, was die Nazis behaupteten, die Antworten gegeben – manchmal sogar schon vorher“, erinnerte sich nach dem Krieg Heiner Guter.

Vor allem erarbeitet er zusammen mit den Schülern, dass der Krieg der Nazis ein Verbrechen ist. Franz Müller: „Mitten in den Siegen bekamen wir von Eisele das Gegengift verabreicht.“

Die Lücke in der Chronik

Geschichte Die Chronik des Humboldt-Gymnasiums beginnt zwar mit dem Jahr 1294. Aus einer Urkunde lasse sich schließen, dass in Ulm eine städtische Lateinschule existiert, heißt es über die Anfänge. Dass aber Walter Hetzel, Franz Müller, Heinrich Guter und Hans Hirzel das humanistische Gymnasium besuchten, wird in der Homepage der Schule mit keinem Wort erwähnt. Der Widerstand fällt unter den Tisch. Zum  Jahr 1944 ist dort vermerkt: Das Schulgebäude wird bei einem Bombenangriff zerstört, nur das Portal bleibt stehen. ruk