Ulm / CLAUDIA REICHERTER  Uhr
Das Musikangebot des Donaufests ist groß – und großartig geraten. Es ist interessant, wird aber auch vom Publikum angenommen.

Eine „Melange“ bedeutet Mischung, auch mal Mischfarbe oder aus verschiedenfarbigen Fasern hergestelltes Garn. Die Wiener Variante, der „Café mélange“, steht für Kaffee mit einem Häubchen Milchschaum oder Schlagsahne. Eine Melange, eine buntgefärbte und verschiedenfaserig durchwobene Mischung, bietet auch das Musikprogramm des diesjährigen Donaufests. Und zum Ende der „Wiener Melange“ im Donausalon entsteht im weißen Konzertzelt eine richtiggehend intime Kaffeehausatmosphäre – mit „Schlag“ im doppelten Sinn.

Ernst Molden und „Der Nino aus Wien“ bilden im Duo eines der Sahnehäubchen des Donaufest-Menüs. Das Austro-Underground-Urgestein und der junge Singer-Songwriter-Star haben jeweils 10 bis 15 Alben im Gepäck, darunter das 2015 erschienene gemeinsame „Unser Österreich“. Mit diesem kongenial schlichten und doch so tiefgehenden Cover-Projekt stehen sie auch für das Abseitige, gewissermaßen den „Schlag“ der österreichischen und speziell wienerischen Musikszene.

Und das Publikum? Ist ebenfalls bunt durchmischt, zwischen blutjungem Neuankömmling aus dem nördlichen Afrika oder dem Nahen Osten und Oberstudienrat im Ruhestand, zwischen Musikerkollegen und Hausfrau. Seitdem alle Konzerte dieses zehntägigen Festivals kostenlos sind, herrscht bei den Konzerten oft reger Wechsel.

Man hört was, das gefällt, bleibt stehen oder schaut ins Zelt, bleibt eine Weile und schlendert dann weiter. Alles im Fluss, alles sehr relaxt und schön. Denn bislang gab es im reichhaltigen Programm auf den Bühnen an den beiden Donauufern noch keinen Komplettausfall. Sprich: Man kann eigentlich überall eine Weile stehenbleiben. Schon am Samstagnachmittag bei den Violons Barbares mit Musikern aus drei Nationen und ungewöhnlichen Instrumenten wie der Pferdekopfgeige, deren Obertonsänger die schöne – Sprachen durchmischende – Ansage machte, der Titel des folgenden Stücks bedeute auf Deutsch „mon amour“. Jede der Bühnen hat einen Schwerpunkt: Treten auf der Weinfest-Bühne am Ulmer Ufer vorrangig  im weitesten Sinne der Folklore verbundene Ensembles auf, deren Interpretationen schon auch mal ganz schön heutig und deftig daherkommen, hört man auf der Neu-Ulmer Open-Air-Bühne auch mutig Abseitiges: garantiert unvolksdümmlich Alpenländisches wie Hotel Palindrone, fast krautrockig angehauchte Weltmusik von Madame Baheux.

Oder die Ungarn Söndörgö, deren Sound mit Langhalslaute so filigran ist, dass der Ulmer Programmmacher Rainer Walter aus Rücksicht auf seinen Neu-Ulmer Kollegen Bernd Leitner die zweite Auflage des Wiener-Melange-Konzerts nach dem fröhlich-rockigen Auftritt der Playbackdolls spontan für eine halbe Stunde unterbricht.

Überhaupt das Miteinander ist bei den Bands des Donaufests so eine Sache, denn viele Musiker sind in mehr als einer der Gruppen aktiv: Da spielt Maria Petrova, die unglaubliche Drummerin der Tschuschenkapelle auch bei Madame Baheux, deren Bratschistin wiederum die Hälfte des Streicherduos Catch-Pop String-Strong ist.

Alles im Fluss eben. Viel kann, nichts muss, das fördert die Laune. Das Kommen und Gehen, mal hinhören, mal reinschauen und weiterschlendern, geht im Donausalon am Mittwoch auch bei der zweiten Wiener Gruppe weiter, bei Freischwimma, einem herzhaften Fünfer, der mal kernigen Bluesrock und mal dialektalen Reggae spielt.

Bei Ernst Molden und Nino Mandl aber geht keiner mehr weg. Dichtgedrängt stehen Fans wie Neuentdecker direkt vor der Bühne, hängen fasziniert an den Lippen der beiden Sänger mit ihren akustischen Gitarren, die das Licht immer noch mehr gedimmt haben wollen. Ab und an wird zu der schlichtest möglichen und dadurch so intensiven Neuinterpretation von „a boa Liadan“ von der „äußersten Frühzeit des Austro-Pop“ wie Georg Danzers „Der Tschick“ und dem Rauschgiftlied „Ganz Wien“, für das sie „Falco mit Skip James verheiraten“, gepfiffen und Mundharmonika gespielt. Mehr braucht dieses Duo nicht.

Null Show – und doch bieten die beiden die umfassendste Unterhaltung, die man sich denken kann. Im stetig hin- und herschwappenden Zwiegespräch zwischen Moldens messerscharfem Schmäh und Mandls herrlich nöligem Nuscheln ist das kein Konzert im eigentlichen Sinn, sondern eine runde, komplette Performance zwischen Kabarett und Hits wie Ninos wunderbarem „Du Oasch“ mit seinem völlig ungehässig konstatierten „I brich dir des G’nack“, Moldens „Ho rugg“ und dem euphorischsten Doppelselbstmordlied aller Zeiten.

Erste Überlegungen zum nächsten Festival

IDF Factory Eigentlich hätte Rapperin und Slam-Poetin Yasmo den Wiener-Melange-Abend moderieren sollen. Sie tauchte allerdings nicht auf – aus gutem Grund, wie Programmmacher Rainer Walter erklärt. „Die ist grad so im Flow bei den Proben mit Qunstwerk fürs Konzert der IDF Factory, dass ich den nicht unterbrechen wollte.“ Die vom Donaufest angeregte Künstler-Jumelage zwischen den Ulmer Hip-Hoppern und der Wiener Klangkantine-Frontfrau hatte gestern im Donausalon ihren Höhepunkt: mit dem gemeinsam in den vergangenen drei Tagen vorbereiteten Konzert. Das zweite Projekt der IDF Factory stellt sich morgen, Samstag, 23 Uhr, im Donauturm dem Publikum und Tanzvolk vor: Die Wiener Julian und der Fux kollaborieren dafür mit den Budapester Remixern Savages Y Suefo.

Nächste Melange Als Moderator der Wiener Melange sprang Programmmacher Rainer Walter ein. Der kündigte  an, der nächste Abend dieser Art werde rein weiblich besetzt sein. cli