Nicht lange her, da hatte man ein mulmiges Gefühl, da sich die Bass-Instanz und Kraan-Legende Hellmut Hattler mit einer lebensbedrohlichen  Blutkrankheit im heftigen Infight befand. Monate der Unsicherheit – und der ­Musik-Abstinenz. Vier Wochen ohne den Bass in Händen, davor war das unvorstellbar. Doch auch die Motorik versagte ihren Dienst. Aufgeben, kein Thema. Während die Immunabwehr stetig schwächer wurde, entwickelte sich die Musik zum besten aller Heilmittel. Die Ideen, die sich in Hattlers Kopf entwickelten, waren voller Power, quirlig und mutig.

Nun galt es, die Ärzte davon zu überzeugen, dass einer seiner Bässe auf die Intensivstation eingeschleust werden konnte. „Ich hatte allerdings die strikte Vorgabe, das Instrument alle zwei Tage komplett zu desinfizieren“, erinnert sich Hattler, der am Bass komponiert. Eines der ersten Stücke war das mit Lebenspartnerin Siyou geschriebene „Signs of Love“, das Kernstück ihres Soloalbums. Während weitere Song­ideen wuchsen, gab’s Musiktherapie auch von Jürgen Schlachter in kleinen, aber starken Dosen verabreicht. Der Schlagzeuger und Tontechniker, der bei den Produktionen Hattlers in den vergangenen Jahren kreativer Sideman war, nahm die Erkrankung des Freundes zum Anlass, Konzertmitschnitte von Kraan aus acht Jahren nach Perlen zu durchforsten. Diese gab’s bei Klinikbesuchen restauriert und klangtechnisch optimiert Stück für Stück.

Die Kraanopathie stimulierte maximal. Und es ist ein Live-Album der 2008 zum Kern-Trio verschlankten Band Kraan daraus geworden. Mit „The Trio Years“ ist nun das Beste der vergangenen Live-Jahre zu haben, denn die drei Schulfreunde Peter und Jan Fride Wolbrandt sowie Hellmut Hattler interpretieren nicht nur ihre Klassiker virtuos, funky und mit extrem viel Drive. Sie beweisen auch mit neueren Stücken, dass sie auf ihrem ureigenen Kraan-­Terrain zwischen Rock und Jazz handwerklich und als Stilisten unschlagbar sind.

Auch an ein mögliches Hattler-Album dachte der Rekonvaleszent bald wieder, frei nach dem Motto „musikalische Grüße aus der Intensivstation“, wie der Bassist breit schmunzelnd sagt, um hinzuzufügen: „In der Krankenhaus-Isolation denkst du nicht über Zielgruppen nach, denen deine Musik gefallen könnte. Du spielst um dein Leben.“ Vielleicht sind es die spürbare Lust am Leben, der unverwüstliche Überlebenswille und die Liebe zur Musik, die „Velocity“ zum Großwerk werden lassen. Alle Qualitäten des Saitenvirtuosen, der stets ein starker Songwriter war, scheinen wie in einem Brennglas, aber aus einem neuen Blickwinkel auf den Punkt gebracht zu sein.

Euphorische Reaktionen

„Die Menschen haben in diesen Zeiten eine große Sehnsucht nach Aufrichtigkeit, und diese finden sie wohl in meiner Musik“, freut sich Hellmut Hattler über die positiven, teils euphorischen Reaktionen auf das Album. Das bewährte Hattler-Umfeld läuft zur Bestform auf, der Hauptdarsteller lässt seinen Mit-Akteuren in teils sehr komplexen Arrangements Raum, ihre Stärken ausspielen zu können. Einer ist Ulms Startrompeter Joo Kraus, der im hymnisch-zappaesken Monolith „Anthem for Approaching Starships“ für die famosen Bläsersätze sorgt, während Jürgen Schlachter am Xylophon flott klöppelt. Ein Album-Opener, der Zeichen setzt. Sich alles erlauben und zutrauen, einen Schritt weiterspielen, rhythmische Strukturen ausbauen, noch tiefer in pentatonische Weiten eintauchen zwischen all den jubilierenden Gitarren und  Gesangsüberraschungen. Hellmut Hattler agiert bisweilen auch als Frontmann am Mikrofon. „Veocity“ – in Summe famos.

Am vergangenen Wochenende spielte Hattler zwei Konzerte. „Mein Immunsystem ist durch die Chemos am Boden, und nach dem Konzert in Ellwangen musste ich zum Selbstschutz im völlig überfüllten Club einen Mundschutz und Handschuhe tragen“, sagt Hattler. Für die Magie dieser ersten Konzerte habe sich alles gelohnt. „Natürlich stehe ich nicht mehr offensiv am Bühnenrand und muss mit den Kräften haushalten, aber die Finger sind so flink wie immer. Ich bin total happy“, sagt Hattler, der die Gänsehaut-Momente mit vollen Zügen genießt, wie auch sein zurückgewonnenes Leben. „Ich habe nichts gewollt und alles bekommen.“

Musikalisch auf den Punkt


Hellmut Hattler, der mit dem Plektrum zwischen den Saiten tanzt, wo andere Bassisten sich oft nur wacker schlagen, lebt auf „Velocity“ sein kompositorisches Talent vielfältig aus – überwältigend hymnisch, popsüßlich intensiv und überrumpelnd abwechslungsreich, vor allem aber angetrieben von spürbarer Überlebenspower. Unterstützt von alten und wiederkehrenden Weggefährten wie Joo Kraus, Peter Musebrink, Fola Dada oder Martin Kasper ist Hattler seinem musikalischen Ideal so nah wie selten zuvor. „Threshold“ beginnt als „Tab Two“-Duett, um sich dann zu einem von Rock-Riffs angetriebenen Funk-Kracher zu entwickeln. Auch „Teaser“ strotzt nur so vor Pop-Energie, und in „Home Bass“ oder „Lieblingslied“ zeigt der Bassist unterstützt vom inspiriert aufspielenden Joo Kraus, dass er jederzeit auch im Jazz so richtig mitmischen könnte. Selbst als Sänger überzeugt der Frontmann. Als Doppelpack sind „Velocity“ und „The Trio Years“ von Kraan, erschienen auf Hattlers eigenem Label Bassball Recordings, weit mehr als nur ein musikalisches Statement. udo