Was sagen uns Stoffe und Kleider? Was transportieren sie? Welche Assoziationen wecken sie? Und welche Geschichten stecken in Wolle, Leinen und Seide? Die Ausstellung „Die Sprachen des Textilen“ im Museum Villa Rot in Burgrieden zeigt dazu die Positionen von acht Künstlern: überraschende, witzige und nachdenklich stimmende.

Am Anfang stehen das Trikot der Deutschen Nationalmannschaft und ein Dirndl. Was die miteinander zu tun haben? Museumsleiter Marco Hompes: „Das sind Stücke, die man zum Feiern trägt. Es ist erwiesen, dass die Feierlaune steigt, wenn man seine Gruppenzugehörigkeit dokumentiert, sich uniformiert.“ Uniformen also für die Wiesn und fürs Stadion. Hompes hat beide Stücke für die Ausstellung im Handel gekauft. Sie sind also per se keine Kunst, aber im Museum entwickeln selbst diese profanen Stücke Wirkung, bekommen Details Gewicht, die man ansonsten kaum zur Kenntnis nimmt. Die vier Sterne für die vier WM-Titel auf der Brust, die monochrome Stickerei 54-74-90-14.

Mystische Zeichen, in die Funktionskunstfaser eingewoben: „Designed and engineered in Germany“ protzt das Etikett am Hals. „Made in China“ verrät das Etikett im Innern. Und heftet ein Thema der Schau an: Die deutsche Textilindustrie ist weitgehend Vergangenheit, wurde längst in Billiglohnländer outgesourced.

Beim Kunstfestival „Münsinger Kulturhandlungen“ war diese alte Industrie das Thema für sechs Künstler, deren Ergebnisse jetzt in Burgrieden zu sehen sind. Einer dieser Künstler ist Janus Czech, der ganz plakativ die zwei Seiten der Medaille zeigt –  etwa auf einer mannsgroßen Euromünze, deren eine Seite Indien, deren andere Deutschland gewidmet ist. Sein Thema, das er mit Fotos, Interviews und Broschüren aufarbeitet: heutige Textilbrachen, die entstanden, weil die Produktion in Länder wie Indien verlagert wurde, deren Produkte wiederum in Outlets in Metzingen an Kunden aus aller Welt verkauft werden.

Verlierer auf beiden Seiten der Medaille. Was noch heute auf der Alb produziert wird? Der Stoff für die Sitzbezüge des ICE, aus dem Daniela Scheil Kleidung und Accessoires schneidert, inklusive eines Schnittbogens plus Stoff für eine Tragetasche. Beides kann der Besucher mitnehmen.

Der Vergangenheit widmet sich die Textildesignerin Anna Aspholm-Flik, die sich auf der Alb Stoffe schenken ließ, sie skulptural umwandelt und dekonstruiert. Sie zerlegte etwa ein Mieder in seine Einzelteile, zeigt so die Kunstfertigkeit, mit der es einst genäht worden war.

Mit jeder Menge Hintersinn geht der Ulmer Reiner Schlecker das Thema an: Er hat Brautkleider gesammelt, von denen er zwei Dutzend in den Raum gehängt hat. „Was bedeutet eigentlich Glück in der Liebe?“,  hatte er gefragt und um Antworten auf einer Postkarte gebeten. Auch Prominente wie Alfred Biolek, Marcel Reich-Ranicki oder Bazon Brock haben damals zurückgeschrieben. Ihre Karten hängen nun zwischen der Bekleidung für den vermeintlich schönsten Tag des Lebens, den eine Spieluhr mit der Titelmelodie des Films „Love Story“ längst entlarvt hat.

Anahita Razmi und Beate Passow waren nicht in Münsingen mit von der Partie. Razmi spielt mit der falsch verstandenen Internationalität von Mode, indem sie als Model chinesische T-Shirts trägt, deren englische Slogans fehlerhaft sind. Beate Passow hat in Afghanistan bunte Burkas gekauft, die sie bei uns in absurde Zusammenhänge stellt, etwa deren Trägerinnen in einen Biergarten vor eine volle Maß setzt. Und wer da zusammenzuckt: In Afghanistan gibt es auch kleine Burkas, in die Beate Passow Barbie-Puppen steckt.

Patchwork zum Mitmachen

Eine Zweckentfremdung, denn eigentlich verwendet man diese kleinen Burkas, um Flaschen mit alkoholischem Inhalt zu kaschieren. Und dann zieht sich noch der „Big Red Curtain“ von Walter Briuno Brix ins Dachgeschoss der Villa Rot und lädt die Besucher zum Mitmachen ein. Dort liegen Stoffstücke bereit, mit denen man sich an dem Patchwork beteiligen kann.

Vom Verschwinden einer Kultur


Kabinett Parallel zu der Ausstellung „Die Sprachen des Textilen“ zeigt das Museum Villa Rot im Hoenes-Saal und in der Kunsthalle Arbeiten von Anca Munteanu Rimnic. Die gebürtige Rumänin kam mit sechs Jahren nach Deutschland. Sie spürt in ihren Arbeiten den Verlust nach, den so ein Ortswechsel in sich trägt: etwa mit einem Video, in dem rumänische Klageweiber mit Plastiktüten agieren, in denen eigentlich der Leichenschmaus transportiert wird. Eine Inszenierung, die auch das professionelle Trauern als solches entlarvt. Ein anderes Werkpaar zeigt einen musterlosen Kelimteppich, dessen Felder aus Sohlenleder geschnitten sind, die korrespondierende Wandarbeit besteht aus den stilisierten Nähten des Teppichs. Erst verschwinden die Farben, dann die Flächen. Wiederum ein Sinnbild für das allmähliche Verschwinden einer Kultur.

Dauer Beide Ausstellungen sind bis 8. Oktober im Museum Villa Rot zu sehen: Mi-Sa 14-17, So 11-17 Uhr.