Ausstellung Museum Ulm beleuchtet Computerspiele

Große Bilder, anspielungsreiche Ästhetik: das Spiel „Shadow of the Colossus“.
Große Bilder, anspielungsreiche Ästhetik: das Spiel „Shadow of the Colossus“. © Foto: Sony Interactive Entertainment
Ulm / Magdi Aboul-Kheir 09.11.2018

Ein Hieb des finsteren Hünen, und der Junge stürzt von der Turmspitze. Aber nein, es ist gar nicht der Mensch, der da in die Tiefe fällt – es ist nur sein Schatten. Der muss dann im Jump ’n’ Run-Computerspiel „Lost in Shadow“ (2011) allerlei Abenteuer überstehen, bis er wieder mit seinem Besitzer vereint ist. Eine schräge Idee von Programmierern? Nun, schon in „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“, die Adelbert von Chamissos 1813 geschrieben hat, kauft der Teufel dem Helden den Schatten ab. Auch der Stummfilm „Der verlorene Schatten“ (1921) erzählt eine solche Geschichte, das Kinderbuch „Lukas im Schattenwald“ (1993) ebenso.

So vielfältig, wie das Motiv des „verlorenen Schattens“ kunsthistorisch beleuchtet wird, ist es doch nur eines von vielen Schlaglichtern, die die neue Sonderausstellung des Museums Ulm auf ein illustres Thema wirft. „Obumbro. Schatten-Kunst – Computer-Spiel“ heißt sie.

Museumsdirektorin Stefanie Dathe will nicht, dass ihr Haus „als verstaubtes, langweiliges Mausoleum toter Dinge wahrgenommen wird“. Was das Museum zeigt, soll mit der Gegenwart zu tun haben, sagt Dathe, und daher hat sie nun Schatten im Blick. Mit dem Thema Computerspiele, das längst als Kunstform anerkannt ist, hat sich sich ein besonders populäres Gebiet ausgesucht. Um aber in der ästhetisch, narrativ, technisch überbordenden Game-Welt nicht willkürlich umherzuschweifen, liegt der Fokus auf dem Aspekt des Schatten mit all seinen Anknüpfungen an bildende Kunst, Philosophie, Literatur und Film.

Das Museum Ulm sei prädestiniert dafür, lobt Kurator Thomas Hensel, der in Pforzheim Kunst- und Designtheorie lehrt: „Es ist eine Kunst- und Wunderkammer vom Löwenmenschen bis zur digitalen Skulptur.“ Das Motiv des Schattens wurzle tief in der Kulturgeschichte, ja sogar: „Am Anfang steht der Schatten.“

Das bezieht sich auf Platons Höhlengleichnis. Zwar wird der Schatten – als Trugbild – seitdem meist negativ konnotiert, doch ist er zugleich Ausgangspunkt für Erkenntnis. Und in der Ausstellung Ausgangspunkt für ein kulturhistorisch reichhaltiges Motiv-­Spiel: vom krallenden zu heilenden, vom wissenden zum mörderischen, vom geraubten zum schützenden Schatten. An die 100 Exponate von 1564 bis 2018 sind zu sehen: nicht nur Gemälde, Bücher und Filmclips, sondern auch Fotografien, Comics und Schattenspielfiguren. Und viele Games, darunter sieben spielbare.

Um Schein und Sein geht es, um Schöpfung und Zerstörung, um Projektion und Reflexion und, natürlich, um Licht und Schatten. Der Reigen geht von „Pygmalion“ bis „Assassin‘s Creed“, von der Heilung durch Petrus’ Schatten bis zu Killer-Clowns aus dem Weltall, von „Nosferatu“ über Lotte Reiniger Silhouettenfilme bis zu „Star Wars“: Wirft der kindliche Anakin Skywalker doch auf dem Plakat von „Episode 1“ einen Schatten, der schon wie Darth Vader aussieht. Selbst hinter Hans Multschers „Christus auf dem Palmesel“ läuft an der Wand sinnfällig ein Spielsequenz.

Sehr anspielungsreich

Großartig ist das Zusammenspiel des Games „Uncharted 3: Drake’s Deception“ und der Installation „Structur of Shadow“ des Koreaners Bohyun Yoon: plastische Körperteile, deren Schattenbilder sich zu ganzen Körpern fügen. Und mit „Shadow of the Colossus“ wird ein geradezu monolithisches Spiel in einem eigenen Raum gewürdigt.

Anregend, unterhaltsam und anspielungsreich ist die Schau „Obumbro“. Was der sperrige Titel bedeutet? Der leitet sich aus dem Lukas-Evangelium ab. Darin verkündet der Erzengel Gabriel Maria die Empfängnis mit den Worten „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ – auf gut Latein „obumbrabit“. In dem Sinn bedeutet „obumbro“ (ich überschatte oder schütze) einen der „fruchtbarsten kulturbildenden Schöpfungsakte“, erläutert Kurator Hensel. Das Museum Ulm hat sich da tatsächlich ein sehr fruchtbares Thema ausgesucht.

Tolles Angebot für Kinder

Die Ausstellung „Obumbro“ wird am Sonntag, 11 Uhr, im Museum Ulm eröffnet. Sie läuft bis zum 28. April (Öffnungszeiten: Di-So 11-17, Do bis 20 Uhr). Für jüngere Besucher sind nicht nur zahlreiche Veranstaltungen geplant, es gibt in der Ausstellung auch zahlreiche interaktive Kinder-Stationen (ab sechs Jahren) und für drei Euro eine Material-Box.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel