Das Dickicht lichtet sich, klar ist eh: Was S 21 für Stuttgart, das ist das Konzept City-Bahnhof für Ulm, nämlich das größte Stadtentwicklungsvorhaben nach dem Krieg. Nicht mehr und nicht weniger. Das wurde in der jüngsten Sitzung des zuständigen Fachausschusses deutlich, in der - wie kurz berichtet - zweieinhalb Stunden lang derart über das Vielfach-Millionenprojekt diskutiert wurde, wie es sich dem Laien darstellt: komplex, kompliziert, einerseits entlang großer Linien, andererseits über unzählige Details, die einem solchem Mega-Vorhaben eigen sind. Prinzipiell: Alle Fraktionen tragen die Neugestaltung des Bahnhofsgeländes samt Umgebung mit, es herrscht aber Uneinigkeit über Einzelheiten.

Unter Regie des Städtebau-Abteilungschefs Helmut Kalupa und des Projektbeauftragten Harald Walter hat die Bauverwaltung drei Entwicklungsphasen und einen Zeitfahrplan entwickelt. Dies geschah im Lichte der Ergebnisse einer durch Gerhard Bühler (FWG), Dorothee Kühne (SPD) und Siegfried Keppler (CDU) gerühmten Beteiligung der Öffentlichkeit mit Bürgerwerkstatt, vier Fachforen und rundem Tisch. Insgesamt nahmen 85 Personen teil; außerdem zählte ein Internetforum 4000 Besucher, die Plattform wurde 192 000 Mal angeklickt.

Obwohl das Bundesbauministerium diese Art der Planung als modellhaft bürgernah mit 53 000 Euro honoriert, üben die Grünen Kritik. Annette Weinreich hielt der Verwaltung vor, mit Tricks verhindern zu wollen, dass eine oberirdische Überquerung von Bahnanlagen und Friedrich-Ebert-Straße im Spiel bleibe. Bühler und Baubürgermeister Alexander Wetzig ("Sie zeichnen ein Zerrbild") hielten dagegen: Bis auf das Frauenforum hätten sich alle Beteiligten - Anwohner, Wirtschaftsvertreter, Verkehrsexperten, Stadtplaner - für eine unterirdische, 300 Meter lange Passage ausgesprochen. Unter Einbindung der heutigen Bahnhofsunterführung soll sie in möglichst direkter Linie die Schillerstraße mit der Fußgängerzone Bahnhofstraße verbinden, inklusive Abzweig Richtung künftiger Einkaufsgalerie Sedelhöfe.

Konsequenz des Disputs: Beim Realisierungswettbewerb, dessen Ausschreibung die Stadtpolitik bis zur Sommerpause anstrebt, ist die Alternative einer Überführung - über die Gleisanlagen existiert ja der neue Bahnhofssteg - keine Option mehr; ein entsprechender Antrag der Grünen wurde abgelehnt.

Zweiter Streitpunkt mit weniger klaren Frontenverläufen: Grüne und SPD (Hartmut Pflüger: "Die künftige Westerschließung des Hauptbahnhofs wird den Verkehr entzerren") sind dafür, die Friedrich-Ebert-Straße auf zwei Fahrspuren zu reduzieren, was CDU und FWG kategorisch ablehnen. Herbert Dörfler, CDU: Durch die ICE-Neubaustrecke erhöhe sich die überregionale Bedeutung des Ulmer Hauptbahnhofs. "Da können wir die Erreichbarkeit nicht einschränken." Dagegen Birgit Schäfer-Oelmayer (Grüne): "Wir können dem Verkehr von morgen doch nicht mit Verkehrskonzepten von gestern begegnen."

Ob der Architektenwettbewerb noch vor den Sommerferien ausgeschrieben werden kann, hängt laut Wetzig vom Verlauf der Grundstücksverhandlungen mit der Bahn ab. "Ohne dass wir ins Eigentum gehen, läuft nix", kündigte Wetzig Flächenkäufe im großen Stil an. Um das Gesamtprojekt City-Bahnhof in seinen drei Entwicklungsphasen und 13 Einzelbausteinen bis etwa 2025 realisieren zu können, benötigt die Stadt 6,5 Hektar beidseits der Bahnanlagen (siehe Grafik). Anders als noch vor zwei Jahren, als die Bahn gar nichts habe verkaufen wollen, stehe man jetzt in konstruktiven Gesprächen, sagte Wetzig.

Ein Miniteil konnte die Stadt 2010 durch ihre Wohnungsbaugesellschaft UWS bereits kaufen: das Intercity-Hotel. Es ist noch keine 20 Jahre alt und bleibt definitiv stehen, wie Wetzig erklärte. Auch in diesem Fall den Grünen zum Trotz, hatte Stadträtin Sigrid Räkel-Rehner doch einen Abriss zur Diskussion gestellt, um ohne Bremsklötze vorbehaltlos planen zu können.

Ehe 2016 eine neue Bahnhofs- und Empfangshalle gebaut werden kann, muss die Stadt zunächst als ersten Baustein von Westen her an der Schillerstraße einen Zugang zu den Bahngleisen schaffen. Dieser Westbahnhof soll einem "sehr ehrgeizigen Zeitplan" (Wetzig) vom Frühjahr 2015 an entstehen.