Ulm Münsterturmjubiläum: Marios Joannou Elias "Ulmer Oratorium" nähert sich seiner Vollendung

Das Jubiläum wird eingeläutet: Marios Joannou Elia (li.), der den Glockenklang für sein Oratorium aufgenommen hat, und Joo Kraus.
Das Jubiläum wird eingeläutet: Marios Joannou Elia (li.), der den Glockenklang für sein Oratorium aufgenommen hat, und Joo Kraus. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / MAGDI ABOUL-KHEIR 31.12.2014
Morgen beginnt der Münsterturm zu leuchten: Lichtkunst zum Jubiläumsjahr. Am weiteren Programm der Feierlichkeiten wird derweil vielerorts hart gearbeitet. Etwa am ambitionierten "Ulmer Oratorium".

Marios Joannou Elia wedelt am Münstereingang mit dem riesigen Partiturbogen. 72 Stimmen sind darauf vorgesehen, doppelt so viele wie bei den meisten Sinfonien. "Kreuzblume - Eine Turmfantasie. Ein Ulmer Oratorium" heißt das Werk, dessen Aufführung ein Höhepunkt des Münsterturmjubiläums 2015 werden soll. Mit mehr als 400 Mitwirkenden: "Zwei Orchester, sieben Chöre, elf Solisten und ein virtuelles Glockenorchester", zählt der zyprische Komponist auf.

Insgesamt hat der agile Elia für das Werk gut 130 Stimmen geschrieben: noch viel mehr als auf eine der großen Partiturseiten passt. Zudem hat er 75 Klänge aus der Münsterbauhütte aufgenommen, die eingearbeitet werden. "Alle Beteiligten betreten Neuland", betont Elia, so komplex und ambitioniert sei das Oratorium. Und er räumt freimütig ein: Zu Beginn sei "noch nicht zu sehen gewesen, wie alles Gestalt und Form annehmen wird".

Das ist mittlerweile aber der Fall. Elias Kompositionsprozess - am Computer - steht vor dem Abschluss: 47 Minuten hatte er bei seinem letzten Besuch in Ulm kurz vor Weihnachten fertig komponiert, nur zwei Szenen fehlten noch. Ende Januar soll die ausgeschriebene Partitur vorliegen. Danach können alle Ensembles (wie Philharmonisches Orchester, Münsterkantorei, Oratorienchor, Ulmer Spatzen, Junge Bläserphilharmonie) und Solisten (etwa Joo Kraus, Fola Dada, Jürgen Grözinger, Jessica und Vanessa Porter) mit dem Proben loslegen.

Im Frühjahr wird alles bei den Endproben in den Messehallen zusammengeführt. Aufgeführt wird das Mammutwerk am 29. und 30. Mai vor mindestens 4000 Zuschauern auf dem Münsterplatz - ein auch vom technischen Aufwand her gewaltiges Unterfangen. Regie führt Operndirektor Matthias Kaiser, die musikalische Leitung hat Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland, wobei es, wie Elia sagt, auch noch "Sub-Dirigenten" geben wird.

War das Budget für das Oratorium im Sommer auf rund 300 000 Euro beziffert worden, sprach OB Ivo Gönner kürzlich gar von "fast einer halben Million". Für den "Ulmer Weitblick", also all die Veranstaltungen zum Münsterturmjubiläum, gibt die Stadt 1,9 Millionen Euro aus. Das Oratorium ist der größte Brocken.

Dafür will Elia - erfahren mit Großveranstaltungen und künstlerischer Direktor der europäischen Kulturhauptstadt 2017, Paphos - "kein Event ohne Inhalt bieten, sondern eines mit Innovation". Er will Hochkultur mit Publikumswirksamkeit verbinden, seine Musik sei "anspruchsvoll, aber verständlich". Sie ist tonal, Elia nennt als Bezugspunkte Filmmusik und Klassik (etwa Mendelssohns genau vor 125 Jahren in Ulm aufgeführtes Oratorium "Elias" als Anregung), aber auch von populären Elementen, von Jazz-Einsprengseln.

Genau da kommt Joo Kraus ins Spiel. Elia hat sich Aufnahmen des Ulmer Trompeters angehört und ihm solistische Parts auf den Leib, beziehungsweise das Instrument geschrieben. "Das ist ziemlich nah an dem, was meine musikalische Sprache ist", befindet Kraus, der dem Event mit Spannung entgegensieht. "Es wird groß", sagt er. "Alles, was in Ulm und dem Umkreis Rang, Namen und Masse hat, ist dabei."

Masse, Größe, Bombast: Ja, es ist auch das Gewaltige, das Elia am Münster interessiert, aber vor allem im Kontrast zum Filigranen. "Von Ferne betrachtet, ist das Münster riesig. Aber aus der Nähe sieht man das Feine, Ornamentale" - dieser Gegensatz hat ihn inspiriert. Und die Kirche als Gotteshaus? Natürlich spiele auch das eine Rolle, sagt Elia, aber er hat "einen überreligiösen Ansatz": Die Kirche "als Treffpunkt aller Menschen".

Das Libretto stammt vom Österreicher Robert Kleindienst, es geht von der Frage aus: Was wäre, wenn der Turm nicht mehr existierte? Es dreht sich um die Bedeutung des Münsters für die Stadtgesellschaft, um die Aufgabe, es zu erhalten.

Jedes Element des Oratoriums habe eine konkrete klangliche Ebene, aber auch eine symbolische Dimension, betont Elia. Die singenden Kinder und Jugendlichen stehen etwa für die Hoffnung, die Zukunft. In der Münsterbauhütte sieht Elia die Lunge des Münsters: "Sie ersetzt Teile, sorgt fürs Weiterleben." Und am Ende? "Geht der Blick wieder nach oben", verspricht Elia, "Stolz und Höhe kehren zurück".

Höhepunkte des Programms

Jubiläum 125 Jahre Münsterturm - das "Ulmer Oratorium" ist aber nur ein Höhepunkt der Feierlichkeiten. Das ganze Jahr illuminiert der Stuttgarter Lichtkünstler Joachim Fleischer den Turm, und zwar von innen heraus: "Münsterscanning". Der in Kanada lebende Mexikaner Rafael Lozano Hemmer wird unter dem Titel "Solar Equation" im Münster eine künstliche Sonne simulieren. Piktogramme und eine "soziale Stadtplastik" entwickelt die Stuttgarterin Doris Graf: "Ich, Ulm". Und die Berlinerin Susanne Heinrich kuratiert unter der Überschrift "Poetry und Party" vier Abende mit musikalisch-literarischen Dialogen. Hinzu kommen zahlreiche Projekte lokaler Kulturschaffender: von der Ideenstelle im Stadthaus über die Installationen "125 Blickwinkel" und "Münsterblick 1543" bis zum Kindermusical und der Klanginstallation "Bells breath".

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