Ulm Mordfall Rafael Blumenstock: Es fehlt die letzte Stunde

Ulm / HANS-ULI MAYER 04.11.2015
Mordfälle haben eine Aufklärungsquote von über 90 Prozent. In der Region sind seit 1970 nur 3 ungeklärt. Darunter der an Rafael Blumenstock, der vor 25 Jahren auf dem Münsterplatz ermordet wurde.

Üblicherweise werden die Akten bedeutender oder für die Nachwelt interessanter Fälle früher oder später an das Staatsarchiv weitergeleitet. Doch die Akte über den seit 25 Jahren ungeklärten Mord an Rafael Blumenstock bleibt in Ulm. "Das war mitten in der Stadt. Das hat die Menschen damals sehr umgetrieben", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt und Behördenleiter Christof Lehr. Mord verjährt nicht, schon gar nicht der an Blumenstock, der als 28-Jähriger in den frühen Morgenstunden des 4. November 1990 auf dem Münsterplatz ermordet wurde.

Der Fall hat die Stadt damals aufgewühlt. An der Fundstelle lagen tausende Blumen. Die Familie, Freunde und Bekannte haben Trauermärsche organisiert, auf dem Münsterplatz ist auf der Höhe des Kaufhauses Abt eine Gedenktafel im Boden eingelassen. Vor allem aber ist es die brutale Art, wie der junge Mann im Herzen der Stadt getötet wurde. 21 Messerstiche in Kopf, Hals und Oberkörper hatten ihn schlimm zugerichtet. Die Stiche wurden mit brachialer Gewalt ausgeführt, Chefankläger Lehr spricht von einem "regelrechten Overkill". Rippen wurden durchtrennt, ein Teil der Nase abgeschnitten.

Viel Hoffnung auf Aufklärung hat Lehr nicht. Bei Kapitalverbrechen wie Mord liegt die Aufklärungsquote zwar sehr hoch bei 95 bis 97 Prozent. Meist aber werden die Fälle schnell gelöst. Dauern die Ermittlungen länger als drei Monate, sinken die Chancen rapide. Vor allem dann, wenn das Opfer und der oder die Täter in keiner persönlichen Beziehung zueinander standen, sich nicht kannten, wie es im Fall Blumenstock höchstwahrscheinlich ist. "Wir müssen davon ausgehen, dass er mit irgendjemand in Kontakt trat, und das dann eskaliert ist", sagt Lehr.

Ein plausibles Motiv für die grausame Tat gibt es nicht. Der Polizei ist es gelungen, den letzten Tag im Leben von Rafael Blumenstock ziemlich gut zu rekonstruieren. Der 28-Jährige war ein kontaktfreudiger Mann, stadtbekannt und bekennender Homosexueller. Lehr nennt ihn einen "Paradiesvogel", der in jener Nacht auf Sonntag den 4. November 1990 von Kneipe zu Kneipe zog. Bis 4.30 Uhr morgens ist seine Tour durch Ulms Kneipenszene ziemlich lückenlos belegt. Gefunden wurde seine Leiche morgens um 6.30 Uhr von Mitarbeitern der Stadtreinigung auf Höhe des Eingangs zum Kaufhaus Abt. Der Todeszeitpunkt wird mit 5.30 Uhr angenommen, was für Lehr bedeutet: "Uns fehlt die letzte Stunde im Leben von Rafael Blumenstock."

Was in dieser Zeit geschah, ist völlig unklar. Zeugen haben Schreie gehört, eine Frau, die mit ihrem Mann in einem Wohnmobil auf dem damals noch als Parkplatz genutzten Münsterplatz übernachtete, sah drei gut gekleidete Männer, die in einem Sportwagen mit quietschenden Reifen wegfuhren. Mehr hat sie nicht gesehen, weshalb auch diese Spur nicht zum Ziel führte.

Aufgrund der Spurenlage geht die Polizei von mehreren Tätern aus, ohne eine Vorstellung von einem möglichen Motiv zu haben. "Wir können gar nichts ausschließen, das ist das große Problem", sagt Lehr. Einzig ein Raubmord kann ausgeschlossen werden, weil das Opfer nicht bestohlen wurde. Wirklich erleichtern tut dieser Umstand die Polizeiarbeit aber nicht.

Aktuell gibt es noch vier offene Spuren. Viel erhofft sich die Polizei davon aber nicht. Dennoch ermöglicht die fortschreitende Kriminaltechnik immer auch neue Wege. So wurden im Jahr 2000 die Aservate vom Landeskriminalamt neu überprüft. Darunter auch das bei Blumenstock unter einem Fingernagel gefundene Material, um einen neuen DNA-Abgleich mit anderen Personen vorzunehmen.

Die Sonderkommission Münsterplatz hatte 1990 insgesamt 137 Personen ermittelt, die irgendeinen, wenn auch weiten Bezug zum Tatort und kein absolut sicheres Alibi hatten. Alle diese Personen sind im Jahr 2000 aufgerufen worden, freiwillig einen DNA-Test zu machen. Bis auf 9 kamen dem auch alle nach. Diese neun Personen waren dauerhaft ins Ausland verzogen und für die Ermittler nicht greifbar. Um sie international zu suchen, ist die Verdachtslage aber zu gering. Dennoch konnten vier von ihnen bei einer Einreise nach Deutschland aufgegriffen werden, um den DNA-Test zu machen. Eine Person ist verstorben - bleiben vier, deren DNA noch unbekannt ist.

"Außer diesen vier Personen gibt es derzeit keine neuen Ermittlungsansätze", muss der Oberstaatsanwalt zugeben. Im Oktober 2000 gab es mal den Hinweis eines Sozialarbeiters auf drei junge Männer aus dem rechtsextremen Lager und somit mögliche Tatverdächtige. Aber auch diese Spur verlief sich im Nichts. Doch so lange es "den Hauch einer Chance zur Aufkläruhng" gibt, wird sie genutzt.

Ungeklärte Mordfälle in der Region Ulm/Alb-Donau

Offene Kapitalverbrechen Außer dem Mord an Rafael Blumenstock gibt es in der Region Ulm/Alb-Donau die letzten 45 Jahre seit 1970 noch zwei weitere ungeklärte Mordfälle.

Gelegenheitsprostituierte Am 28. Januar 1970 wird auf einem Feld bei Jungingen die verbrannte Leiche einer 29-jährigen Frau gefunden. Die Gelegenheitsprostituierte stammte aus der DDR und hat bei Nürnberg gelebt. Sie war in einen Teppich eingerollt, mit Benzin übergossen und verbrannt worden. Was die Frau in Ulm gemacht hat, ist völlig unklar.

Blumenhändler Am 4. Oktober 2011 wird in Laichingen auf offener Straße ein türkischer Blumenhändler erschossen. Die Polizei hat 500 Vernehmungen durchgeführt und 30 Aktenordner mit Unterlagen gefüllt. Einen Täter aber hat sie bis heute nicht ermitteln können.

 

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