Mord im Rathaus

HENNING PETERSHAGEN 11.08.2012
Zu den eher seltenen Motiven in der Ulmer Kunst gehört das Porträt eines Toten. Das Ulmer Museum besitzt eine solche Rarität: das Bild des am 11. Februar 1738 erschossenen Marx Christoph Besserer.

An jenem Februarmorgen kurz nach 8 Uhr stürmte der Ulmer Bürgermeister Albrecht Harsdörfer mit verzerrtem Gesicht und gezogener Pistole ins Amtszimmer und feuerte auf seinen Kollegen, den Bürgermeister Marx Christoph Besserer. Der brachte noch "O Jesus, Ihr Herrl. . ." hervor - "Ihr Herrlichkeit" war die Anrede für den Bürgermeister". Dann röchelte er und war tot.

Mit den Aussagen der Zeugen jenes Vorfalls beginnt das Aktenbündel im Ulmer Stadtarchiv, in dem dieser aufsehenerregende Fall dokumentiert ist. Sogar im "Journal in Franckfurt am Mayn" wurde mehrfach darüber berichtet. Was hatte den bis dahin unbescholtenen Patrizier Harsdörfer veranlasst, seinen Amtskollegen zu erschießen?

Möglicherweise war es notorisches Mobbing, vielleicht aber auch eine Art von Verfolgungswahn, gepaart mit Depressionen: Harsdörfer, der sich sofort nach der Tat der Polizei gestellt und alles gestanden hatte, gab an, von Besserer jahrelang systematisch erniedrigt worden zu sein. Tatsächlich hatte der ihm einmal einen Karriereknick beschert, doch der war längst behoben. Ob Besserer ihm tatsächlich und bewusst weitere Kränkungen zugefügt hatte oder ob der psychisch labile Täter sie sich nur einbildete, wurde in den zahlreichen Verhören und Anhörungen - heute würde man sagen: psychiatrischen Gutachten - nicht zweifelsfrei geklärt.

Immerhin wurden ihm die Depressionen, zusammen mit seinen Verdiensten für die Stadt, mildernd auf das Strafmaß angerechnet. Von Rechts wegen drohte ihm der Tod durch Enthaupten - nach vorherigem Abschlagen der rechten Faust, mit der er den Schuss abgegeben hatte.

Harsdörfer flehte jedoch inständig um Begnadigung - zum ehrenvolleren Tod durch Erschießen. In der Diskussion darüber, die in den Akten nachzulesen ist, wird unter anderem geltend gemacht, dass der Ulmer Scharfrichter ein unqualifizierter Schinder sei.

Harsdörfers Bitte wurde erhört. Am Montag, dem 28. April erging das Urteil. Zwei Tage später zielten sechs Grenadiere im Hof des Neuen auf Harsdörfer. Der wurde, so schreibt später der Biograf Weyermann, "so glücklich getroffen, dass Knall und Fall eins gewesen".

Ein geschäftstüchtiger Drucker verbreitete die Geschichte alsbald in schlechten Zeichnungen und schlechten Reimen auf einem Blatt. Oben posieren zwei ziemlich ähnlich aussehende Herren, links der Mörder, erkennbar an der Pistole. Unten links feuert er die Pistole ab, unten rechts bereitet er sich seelisch auf seine Hinrichtung vor. Darunter steht: Hier zeiget dises Blat / Von Nichts als Jamer Klagen / wie Satanas hie hat / ein Klugen sin geschlagen / durch rachgir brachte er / Hern Hardsdorffer zu dem Mord / so an Herrn Besserer / er jetz begienge dort.

Ulm geth im trauer flor / Und ist darum betrübt / Als Burgermeister vor / sie beyde hat geliebt / ach weine doch mit mir mein Christ / das disem Klugen Haupt es so ergangen ist.

Den Gipfel der unfreiwilligen Komik bildet allerdings der kleine Sensenmann oben im Bild. Er hält einen Zettel in der Hand mit der Aufschrift: Es ist kein Sach so ungefehr / ich kom zu Herrn Besserer.

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