Interview Monika Stolz: "Ein Gefühl der Riesen-Dankbarkeit"

Monika Stolz und Konrad Adenauer: Der Kanzler war für sie der Grund, in die CDU einzutreten. Sein Bild hängt in der Ulmer Partei-Geschäftsstelle.
Monika Stolz und Konrad Adenauer: Der Kanzler war für sie der Grund, in die CDU einzutreten. Sein Bild hängt in der Ulmer Partei-Geschäftsstelle. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / CHIRIN KOLB HANS-ULI THIERER 23.04.2016
Nach 27 Jahren beendet Monika Stolz ihre politische Laufbahn. Ein Gespräch über ihre Arbeit im Gemeinderat, im Landtag, im Ministerium - und über die Aussichten der CDU in einer grün-schwarzen Koalition.

Frau Stolz, bei der Landtagswahl hat die CDU ihr schlechtestes Ergebnis aller Zeiten im Land eingefahren. Wären Sie gern an den Reparaturarbeiten beteiligt, die jetzt fällig sind?
MONIKA STOLZ: Na ja, das Interesse und das Engagement sind nicht von heute auf morgen weg . . . Aber ich will mich zurückhalten. Es soll einen Generationswechsel geben. Jetzt sind andere dran.

Die Zeichen stehen auf Grün-Schwarz. Finden Sie das gut oder schlecht?
Wichtig ist, eine funktionsfähige Regierung zu bilden. Mein Vater war politisch sehr interessiert. Ich habe oft an das gedacht, was er gesagt hat: In der Demokratie geht es nicht immer um Ideallösungen, sondern auch darum, das kleinere Übel zu wählen.

Und das wäre die Koalition als Juniorpartner der Grünen?
Auch dann kann man für das Land gestalten. Es ist für die CDU besser, in der Gestaltungsverantwortung zu sein als in der Opposition mit der AfD.

Ist Thomas Strobl der richtige Mann für die Erneuerung?
Ich erlebe, dass viele Kollegen daran arbeiten, diese Koalition zu einer guten Sache zu machen. Ich bin überzeugt davon, dass bei diesem Engagement am Ende etwas Gutes herauskommt.

Ist Guido Wolf schuld am schlechten Abschneiden?
Er trägt einen großen Teil der Verantwortung. Aber man muss auch nach einer Wahlschlappe fair bleiben: An ihm allein lag es nicht.

Im neuen Landtag ist kein Ulmer CDU-Abgeordneter mehr vertreten. Wie schwer wiegt das?
Ich empfinde das als sehr, sehr bitter. Wobei man auch da fair bleiben muss. Es liegt nicht am Ulmer Kandidaten . . .

. . . Thomas Kienle . . .
. . . ist sehr kompetent und hat sich engagiert im Wahlkampf eingesetzt. Aber über die CDU ist ein gewaltiger Sturm hinweggefegt.

Der der CDU im Ulmer Wahlkreis den bei allen Wahlen zuvor sicheren Sitz weggepustet hat.
Was auch in anderen Wahlkreisen der Fall war. Hier in Ulm wird es nun darum gehen, dass andere Kollegen aus der CDU-Fraktion einspringen, um unsere Interessen wahrzunehmen. Das gilt es zu organisieren.

Ulm hat ja im Grünen Jürgen Filius und im Sozialdemokraten Martin Rivoir noch zwei Landtagsabgeordnete. Was raten Sie beiden, um Ulm voranzubringen?
Generell gilt: Politik lebt davon, dass man miteinander spricht. Ich werde also ohne Scheu auf die Kollegen zugehen mit einigen Anliegen, die ich schon noch habe.

Zum Beispiel?
Die Nutzung des Wiblinger Klosters. Wenn das Alten- und Pflegeheim der Stadt auszieht, darf diese Immobilie nicht unter Wert genutzt werden. Die Akademie für Gesundheitsberufe am Uni-Klinikum hat großen Bedarf.

Hand aufs Herz: Ist eine Rückkehr von Monika Stolz in die Kommunalpolitik denkbar?
Nein! Als ich ein Regierungsamt übernahm und Staatsseketärin wurde, habe ich mein Mandat im Gemeinderat zurückgegeben. Bei uns gilt diese Regel, die ich von der Hygiene her sehr begrüße, dass man in solcher Verantwortung und zeitlichen Beanspruchung nicht auch noch Kommunalpolitik machen kann. Und persönlich halte ich es so: Wenn ich ein Terrain verlasse, dann soll es auch gut sein.

Im Rückblick auf Ihre politische Laufbahn: Mit welchen Gefühlen scheiden Sie aus dem Landtag aus?
Das klingt vielleicht pathetisch, ist aber ehrlich: mit einem Gefühl der Riesen-Dankbarkeit.

Für was?
Für das Vertrauen, das mir die Wähler schon im Gemeinderat gegeben haben. Für die Aufgaben, die mir anvertraut wurden und die wahnsinnig interessant waren und mir Räume zum Gestalten ermöglicht haben. Für die fünfeinhalb Jahre in der Regierung. Und ich bin dankbar für die vielen Menschen, die mich unterstützt haben und die ich kennen lernen durfte.

Ihre Mitarbeiter?
In erster Linie meine Familie. Für sie war es nicht immer einfach, einen Politiker in der Familie zu haben. Ich bin aber auch meinen Mitarbeitern in den Büros dankbar und den Parteikollegen vor Ort. Und es war eine tolle Zeit im Ministerium mit einem wirklich engagierten Team.

Was war Ihr schönstes Erlebnis, Ihr größter Erfolg?
Oh je, da ist die Gefahr groß, in Anekdoten zu rutschen. . .

Probieren Sie es trotzdem!
Neben vielen anderem zum Beispiel, dass der Bau der Chirurgie aufs Gleis gesetzt wurde. Besonders aufregend war, als ich als Ministerin vor dem Bundesverfassungsgericht das Nichtraucherschutzgesetz verteidigen musste. Gerichtspräsident Papier legte Wert darauf, dass nicht nur Anwälte vor Gericht erschienen, sondern auch die Minister, die für die Gesetze verantwortlich waren. Das war für mich ganz außergewöhnlich.

Der Nichtraucherschutz lag Ihnen schließlich auch als Ärztin sehr am Herzen.
Ja, das Gesetz war eine tolle Sache. Auch wie es entstanden ist. Auf der Ebene der Länderministerinnen haben wir uns durchgesetzt gegen eine durchaus unwillige Männerriege. Das war richtig gut.

Haben es Frauen in der Politik besonders schwer?
Bei den Wählern nicht. Sie wählen Frauen, von Stadträtinnen über Landtagsabgeordnete wie mich und Bundestagsabgeordnete wie Annette Schavan bis zur Kanzlerin Angela Merkel.

Dazu müssen Frauen aber erst einmal nominiert werden. . .
Frauen haben in Parteien durchaus das Problem, das alles durchzustehen, durch die Stahlbäder zu gehen. Sie setzen oft auch andere Prioritäten als Männer. Während Männer Seilschaften knüpfen, erziehen Frauen im Zweifelsfall Kinder. Aber das betrifft nicht nur die Politik, sondern alle Berufe.

Ist die Politik ein besonders hartes Geschäft? Was war das für Sie schlimmste Erlebnis in Ihrer Laufbahn?
Spontan fällt mir da nichts ein. Aber man erlebt Tiefpunkte, man wird enttäuscht, es wird etwas angezettelt. . . Aber am Ende muss ich sagen: Es ist alles gut gegangen.

Bis auf Ihre Abwahl als CDU-Fraktionsvorsitzende im Ulmer Gemeinderat 1999. Wie haben Sie das eigentlich verkraftet? Ist da was hängen geblieben?
Das war eine ganz bittere Erfahrung. Ich bin nicht im politischen Geschäft groß geworden. Mir waren die Netzwerkerei und das Knüpfen von Seilschaften fremd. Ich war unbeleckt. Dann musste ich diese bittere Erfahrung mit diesen Vorgehensweisen machen und erkennen: Politik ist nicht nur, engagiert an einer Sache zu arbeiten. Sondern man muss auch mit Intrigen rechnen.

Lehren daraus?
Vor allem habe ich gelernt, dass man Situationen durchstehen muss. Wenn man die Dinge dann deuten und die Leute hinter dem Busch erkennen kann, ist die Sache auch schon halb erledigt.

Also an Erfahrung gewonnen?
Ja. Es hat sich im Nachhinein gezeigt, dass nichts so schlecht ist, als dass ihm nicht auch Positives abgewonnen werden kann. Zu den Erfahrungen aus dieser Geschichte gehört auch, wie wichtig es ist, wenn einen in solchen Momenten die Familie und Menschen, die einem wichtig sind, stützen.

Was außer Politik machen Sie wirklich gern?
Vieles, was ich gerne tue, hat in den vergangenen Jahren zurückstehen müssen, weil ich wirklich Tag und Nacht unterwegs war. Das hat die Arbeit erfordert. Die Familie hat damit gelebt, der Kontakt zu Freunden hat gelitten. Ich mache sehr gern Sport, was ebenso zu kurz kam wie das Klavierspielen. Und im Urlaub war es ein Hochgefühl, mal ein, zwei Bücher lesen zu können.

Dafür werden Sie künftig mehr Zeit haben. Wie wird Ihr Alltag aussehen?
Hoffentlich nicht mehr so fremdbestimmt wie bisher. Ich habe vier Enkel, das fünfte Enkelkind wird im Juni erwartet. Es ist eine ganz besondere Erfahrung zu sehen, wie diese kleinen Menschen ihre Persönlichkeiten entwickeln - und die eigenen Kinder als Eltern zu erleben.

Und übers Oma-Dasein hinaus . . .
. . . habe ich eine Reihe von Ehrenämtern, denen ich gerne nachkomme. Als stellvertretende Rundfunkratsvorsitzende und in mehreren kirchlichen Einrichtungen, so zum Beispiel als Vorsitzende der Kommission sexueller Missbrauch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Da schließt sich der Kreis zur Politikerin Monika Stolz.
Stimmt. Der Schutz von Kindern war mir stets eines der ganz großen Anliegen. Nicht nur als Sozialministerin.

Zur Person: Monika Stolz

Berufliches Monika Stolz hat zwei abgeschlossene Studiengänge. Sie ist diplomierte Volkswirtin und promovierte Ärztin. Ihren Beruf als Medizinerin gab sie auf, als sie 2005 ein Regierungsamt in Baden-Württemberg übernahm.

Politisches Mitglied der CDU ist Monika Stolz seit ungefähr 45 Jahren - ganz genau weiß sie es gar nicht. Ihre politische Laufbahn begann sie 1989 im Ortschaftsrat Unterweiler und im Ulmer Gemeinderat, wo sie 1991 Fraktionsvorsitzende wurde. 1999 betrieben ihre Fraktionskollegen Frank Ahnefeld und Christoph Botzenhart ihre Abwahl, Monika Stolz behielt aber ihr Stadtratsmandat. 2001 gewann sie erstmals das Landtags-Direktmandat im Wahlkreis Ulm. 2005 wurde sie Staatssekretärin im Kultusministerium, und bereits ein halbes Jahr später, im Februar 2006, Ministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Senioren. Sie blieb im Amt, bis 2011 die CDU/FDP-Regierung abgewählt und von Grün-Rot ersetzt wurde. Seither ist Monika Stolz einfache Landtagsabgeordnete. Zur Wahl am 13. März trat sie nicht mehr an. Mit dem Ende der Legislaturperiode scheidet sie Ende April aus dem Landtag aus.

Persönliches Die 65-Jährige ist in Worms geboren und hat mit ihrem Mann Johannes vier Kinder und mittlerweile vier Enkel. Sie ist unter anderem Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken.

 

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