Medien Moderatoren brauchen trotz Mainstream ein Gespür für Hits

Frank König 07.06.2018

Vor 30 Jahren standen noch George Michael, Guns n’ Roses und Whitney Houston oben in den Charts, in Deutschland auch Milli Vanilli mit „Girl you know it’s true“. Heute werden die Listen der DJ-Kooperationspartner immer länger, wie auch beim letzten Hit von Enrique Iglesias – ft. Descemer Bueno, Zion & Lennox. Wie die Musikkultur hat sich auch das Umfeld der Radiomoderatoren verändert. Radio 7-Musikchef Matze Ihring erinnert sich noch daran, wie die Moderatoren zum Start des Senders 1988 eine Plattenkiste mit ein paar gelben Post-It-Zetteln an den Scheiben in die Hand bekamen. Darauf stand A 1 oder B 2, so dass klar war welcher Titel in der Sendung gespielt werden sollte. Die Macher des Privatradios legten die Platten eigenhändig auf und waren im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk ihr eigener DJ. Ihring: „Sie haben die Sendung selber gefahren.“

Noch in den achtziger Jahren hatte die CD ihren Siegeszug angetreten, so dass in den Neunzigern die Plattenkisten kompakter wurden. Ihring: „Das ganze Handling wurde einfacher.“ Allerdings war man anfangs zweigleisig mit Vinyl unterwegs, der überregionale Hörfunksender in der Gaisenbergstraße hat noch ein großes Plattenarchiv im Keller. Der Silberling ist freilich in den Funkhäusern auch längst Geschichte, die Musikredakteure laden sich neue Songs von branchenspezifischen Download-Plattformen wie MPN in Hamburg herunter. Da gibt es schon Wochen vor der offiziellen Veröffentlichung alles: „von Schlagern bis Rock, von Hiphop bis Folk.“ Das geht auf den Rechner des Senders, aus Qualitätsgründen als MP 2-Format.

Nickelback als letzte Rockband

Welche Titel gehen dann wann „on air“? Das bestimmt heutzutage einerseits die Marktforschung, die die Hörerwünsche des Zielpublikums analysiert. Andererseits spielt das Bauchgefühl der Moderatoren weiter eine wichtige Rolle, betonen Ihring (51) und Urgestein Jack Krispin (67) von der Morningshow. So hat Ihring, der Radio 7 ohnehin als Hitmacher versteht, früh auf Luis Fonsi und „Despacito“ gesetzt.

Weil Radio 7 vor allem Familien mit Eltern um die 40 anpeilt, muss die Bandbreite stimmen. Es geht darum, in einem „Sweep“ für Alt und Jung etwas zu bieten. Ein Sweep sind 20 Minuten, die nicht zuletzt in der „Drive Time“ hohe Bedeutung haben, weil Berufspendler das Radio einschalten.

Ihring orientiert sich am Mainstream – auch mit Künstlern wie Shawn Mendes, Felix Jaehn, Robin Schulz oder Max Giesinger, der zum runden Geburtstag von Radio 7 gerade ein „Gaststubenkonzert“ spielte. Als einzige Rockband sei Nickelback übrig.

Für Krispin ist die moderne Musikindustrie dagegen deutlich zu glatt. „Bei den Rolling Stones war jede Platte ein eigenes Opus“, blickt Krispin zurück. „Heute gilt für die Bands und ihre Songs: Kennst du einen, kennst du alle.“

Der Mann, der für Radio 7 auch das Format „Bandbus“ mit lokalen Talenten betreut, ist daher froh über den neuen „authentischen Spirit“ bei jungen Leuten. Sein zwölfjähriger Enkel habe ihm zuletzt den „absoluten Burner“ ans Herz gelegt: „Welcome to the Machine“. Das ist ein Klassiker von Pink Floyd. Und Ihring, auch Macher der hochkarätigen Discoclub-Sendung „Mixshow“, berichtet davon, dass der verstorbene DJ Avicii zuletzt mit Bluesern zusammengearbeitet habe und an den Erwartungen der Industrie zerbrochen sei: Die Shows der Stars an den Mischpulten seien vielfach total durchgetaktet.

Matze Ihring kommt gerade aus Ibiza zurück, wo er selber in Clubs aufgelegt hat – also nicht bloß einen Datenstick dabei hatte: „Ich spiele live.“ Dazu gehört für ihn durchaus auch mal ein holpernder Übergang und sowieso die intensive Beziehung zum Party-Publikum: „Die Leute sollen merken, dass es live ist.“

Daten und Fakten zum Sender

30 Jahre Der Privatsender Radio 7 wurde 1988 in Leutkirch gegründet und ging am 28. April auf Sendung. Zum runden Geburtstag gibt es viele Aktionen, wie auch vier „Feier-Tage“, der erste mit 2500 Freikarten für den Skyline-Park im Allgäu nun am Samstag.

Studios Radio 7 hat neben dem Funkhaus in Ulm Außenstudios in Aalen, Ravensburg, Tuttlingen. 70 Mitarbeiter. Mit der Charity-Aktion Drachenkinder wurden seit 2005 über sechs Millionen Euro gesammelt. Geschäftsführer: Volker Schwarzenberg.

Sound Der Sender hat mehrere zehntausend digitalisierte Songs auf dem Rechner. Die mit dem größten Hitpotenzial kommen in die P1-Rotation und laufen alle vier, fünf Stunden. „P“ steht dabei für Power. Radio 7 macht ein 24-Stunden-Programm.

Matzes und Jacks Lieblingsmusik
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