Ulm / SWP Die lokale Verkehrspolitik neigt sich dem Größenwahn. Unsummen sind für Tiefgarage und eine neue Straßenbahnlinie geplant. Vor dem Ulmer Hauptbahnhof zeigt sich die Feigheit der Politik. Ein Leitartikel von Hans-Uli Thierer

Der Anfang vom Ende zeichnete sich schon 2009 ab: Im Stadthaus kündigte Daimler-Chef Dieter Zetsche auf einem Forum der SÜDWEST PRESSE an, der in Ulm erprobte Automiet-Dienst Car2go werde olympisch, nämlich exportiert nach Vancouver. Dort, in der kanadischen Großstadt, sollten 2010 die Winterspiele steigen.

Nach dem ersten Großversuch in einer Metropole geriet Car2go zum global erfolgreichen Mobilitätskonzept, das um so besser funktioniert, je dichter der Ballungsraum ist, in dem Smart-Flotten verkehren. Die Gesetzgebung des freien Marktes reagiert darauf so, dass Car2go nur dort angeboten wird, wo es lukrativ ist. Im dafür zu kleinen Ulm nicht mehr.

Diametral entgegengesetzt zur Ulmer Größe verhält es sich derzeit mit der lokalen Verkehrspolitik: Sie neigt zum Größenwahn. Geplant: 800 Tiefgaragenplätze vor dem Hauptbahnhof; 500 weitere einen Steinwurf weiter unter den Sedelhöfen. Dazu eine neue Straßenbahnlinie, die die Stadt 100 Millionen kosten dürfte. Jedem etwas. Vor dem Hauptbahnhof erleben wir die Feigheit von Politik, nicht Vorfahrten einzuräumen, sondern es in hoher Beliebigkeit allen Recht tun zu wollen.

Ein Rückfall in die 70er Jahre. Damals setzte sich erst nach ideologischen Grabenkämpfen der dann Zug um Zug realisierte Parkhausring durch. Er sollte sich entpuppen als das bis heute und auch künftig völlig ausreichende, weil stadtverträgliche und maßgeschneiderte Parkhauskonzept für eine Stadt des Ulmer Zuschnitts.

Den Altvorderen also Dank, während dem jungen, dem neuen Gemeinderat anzuraten ist, darüber nachzudenken, was verkehrt läuft. Braucht Ulm 1300 neue Parkplätze in der City? Ein Gedanke: Immer mehr 30-Jährige haben noch nie ein eigenes Auto besessen. Nicht, dass sie sich den Wagen nicht leisten könnten oder nur daheim säßen. Nein, sie wollen mobil sein. Dazu benötigen sie - auch in Städten hiesiger Größenordnung - aber kein Auto mehr. Mobilitäts-Drehscheiben dieser jungen Urban-Generation sind nicht Bahnhöfe oder Parkhäuser, sondern Apps, die Auskunft geben, wie man am besten von X nach Y kommt, per Carsharing, Rad, Mitfahrzentrale, im Bus . . .

Auf längeren Strecken kann eine Kombination dieser privaten und öffentlichen Module sinnvoll sein, auf kürzeren wird man weiter in erster Linie auf ein Verkehrsmittel vertrauen. Im Stadtverkehr werden dies mehr denn je die Fahrzeuge des öffentlichen Nahverkehrs sein müssen. Denn die Rückgewinnung des Lebensraums Stadt geht einher mit dem weiteren Zurückdrängen des Autos. Nicht, weil der Pkw etwas so Schreckliches wäre, sondern weil er zu viel Platz raubt.

Der Gemeinderat sollte nicht Gedanken daran verschwenden, private Mobilitätsdienstleister zu subventionieren. Besser besinnt sich die Lokalpolitik ihrer ureigenen Aufgabe, die in der Sache Verkehrspolitik lautet: Die Straßenbahnlinie 2 muss vollends aufs Gleis. Jenseits aller Apps und Mobil-Plattformen wollen Schüler, Studenten, Lernende, Lehrende, Einheimische, Gäste gut auf den Kuhberg und den Oberen Eselsberg gelangen. Kein anderes Verkehrsmittel besorgt den Transport bequemer als die Tram. Eine Großraum-Tiefgarage vor dem Bahnhof braucht es dazu nicht.

Autos sind nicht schrecklich, aber sie kosten zu viel Platz.