Jetzt geht es los: Heute beginnt der Aufbau des Gerüsts im Chorraum des Münsters. Ein Jahr lang wird der 13 000 Kubikmeter fassende Innenraum komplett ausgefüllt sein, um die Schäden am Deckengewölbe zu beheben. Das Gerüst ist in sich stabil und wird freitragend, also ohne in den Wänden verankert zu sein, aufgestellt. Das schont die historische Bausubstanz. In der Mitte gibt es einen Treppenturm, damit die Restauratoren nach oben gelangen. Nur dort ist das Gerüst begehbar.

„Das spart Material und Gewicht“, sagt Münsterbaumeister Michael Hilbert. Der hatte eigentlich für 2019 die Restaurierung des wertvollen hölzernen Chorgestühls auf dem Plan. Doch dann kam der 20. September 2018 und zerschoss sein bisheriges Konzept: Ein 250 Gramm schweres Stück Putz löste sich von der Decke und stürzte aus 26 Metern Höhe auf den Boden. Ein weiteres folgte am 4. Oktober.

Hilbert hat viel Arbeit in die Ursachenforschung gesteckt und in die Planung dessen, was nun zu tun ist. Fest steht: Schuld ist die Reparatur des Bombenschadens von 1945 (siehe Infokasten). 1946 wurden die beiden fehlenden Rippenbögen aus Stahlbeton gefertigt statt aus Sandstein. Für die angrenzenden Putzschichten hat man damals nicht reinen Kalk, sondern einen härteren Putz mit Zementanteilen verwendet.

Im trockenen und heißen Sommer 2018 haben sich die Materialien unterschiedlich ausgedehnt, es bildeten sich Risse, und letztlich haben dann „die Scherkräfte die Haftkräfte des Putzes gelöst“, erläutert Hilbert. Deshalb stürzten die Putzstücke ab.

„Rissbildung lässt sich bei einem Bauwerk dieser Größe nicht verhindern. Aber wir müssen verhindern, dass weitere Stücke runterfallen“, beschreibt der Münsterbaumeister die Aufgabe, für die man viel von Bau-Physik verstehen muss.

Unsichtbare Armierungen

Laut Hilberts Schadenskartierung gibt es lockere Stellen an etwa 100 laufenden Metern Rippenbogen am zweiten und dritten Joch. Die müssen sorgfältig abgeklopft und dort, wo sich der Putz gelockert hat, repariert werden. Der Münsterbaumeister hat dazu eine Methode ersonnen, um die neu einzusetzenden Teile mittels winziger Edelstahlarmierungen im Gewölbe zu verankern – ähnlich einem Zahnimplantat.

Zwischen Putz und Rippenbogen kommt überdies eine unsichtbare Trennfuge aus Hanf, die Ausdehnungen zulässt. Ziel ist laut Hilbert, „dass die lockeren Stellen künftig oben bleiben“. Sicherheitshalber wird die Münsterbauhütte den Bereich künftig regelmäßig per Fernglas kontrollieren.

Das Gerüst, das für die Arbeiten nötig ist, stammt von der Weißenhorner Firma Peri. Für die Planung hat die Münsterbauhütte gemeinsam mit Ingenieuren von Peri den Innenraum mittels eines Laser-Scannings erfasst. Aus den Daten wurde ein dreidimensionales Bauwerksmodell errechnet. In dieses lässt sich der Aufbau exakt hineinplanen, bis zu den einzelnen Schrauben. „Das hat eine hohe Qualität und verhindert Kollisionen bei der Montage“, erläutert Hilbert.

Das Material stellt Peri und berechnet lediglich die Arbeitskosten. Das hat den Vorteil, dass die Restaurierung 100 000 Euro günstiger wird, Hilbert rechnet nun mit etwa 300 000 Euro. Aufgestellt wird das Gerüst von der Firma Mack aus Elchingen. Für die Montage sind drei Wochen veranschlagt.

Bessererkapelle bleibt zu

Das heißt: Im Februar können die Restauratoren loslegen. Zwei Monate haben sie nach Hilberts Plan Zeit, die Hohlstellen zu entfernen und den Untergrund vorzubereiten – also die Arbeiten zu erledigen, die Dreck machen. Von April bis September werden parallel zu den Arbeiten an der Decke Holzfachleute das Chorgestühl restaurieren und reinigen. „Wenn alles gut läuft, können wir im November oder Dezember das Gerüst wieder abbauen“, hofft der Münsterbaumeister. Er überlegt, vielleicht am Schluss noch den Boden reinigen zu lassen, „dann wäre der gesamte Chorraum für die nächsten 30, 40 Jahre saniert“.

Hilberts Koordinierung ist komplex, damit die Arbeiten ineinander greifen. Daher hat er die Überlegungen aufgegeben, einen Zugang zur Besserkapelle zu ermöglichen: „Eine Baustelle dieser Größenordnung verträgt sich nicht mit Publikumsverkehr.“ Sie bleibt also bis 2020 geschlossen.

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Weltkrieg Während des Fliegerangriffs auf Ulm am 1. März 1945 durchschlug eine rund 500 Kilo schwere Sprengbombe das Seitendach des Chorraums und detonierte. Dadurch entstand im 38 Zentimeter dicken Ziegelstein-Deckengewölbe ein etwa sechs Meter großes Loch. Die Rippenbögen im zweiten und dritten Joch stürzten zu Boden, die im ersten und vierten Joch wurden beschädigt.