Musik Mitreißendes Ulmer Neujahrskonzert

Ulm / Von Jürgen Kanold 03.01.2019

Erst die Ouvertüre zur tragischen Verdi-Oper „Luisa Miller“, dann eine Arie des Romeo aus Bellinis auch dramatisch unlustiger Oper „I Capuleti e i Montecchi“ und darauf das Herzschmerz-Intermezzo aus Puccinis „Manon Lescaut“ – puh!, das Theater Ulm startete todernst ins neue Jahr. Knapp drei Stunden später freilich tobte das Publikum im Großen Haus vor Begeisterung, als Generalmusikdirektor Timo Handschuh die Noten um die Ohren flogen und im finalen Radetzky-Marsch sich plötzlich die „Aida“-Fanfaren meldeten . . . Stopp, der Schluss-Gag wird jetzt nicht verraten, schließlich spielt das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm das Neujahrskonzert ja noch als Repertoire-Schlager bis Mitte Februar.

Vielleicht müsste das Theater sowieso einen anderen Namen für diesen heftig bejubelten Unterhaltungsklassiker finden, denn mit dem TV-berühmten Wiener Neujahrskonzert, das einst bei der Ulmer Premiere 1995 noch das Vorbild gewesen war, hat das nicht mehr viel zu tun – zum Glück. So gibt es auch im 2019er-Programm nur einen kleinen Strauß-Block: die Ouvertüre zur Operette „Eine Nacht in Venedig“ (Johann junior), die Polka mazur „Die Gazelle“ (Josef) sowie die „Favorit-Polka“ des Walzer-Kollegen Joseph Lanner.

Der belesene wie eloquente, Loriots Lakonie liebende Moderator Benjamin Künzel machte aber allemal seine Scherze mit den Wiener Philharmonikern, die in ihrem Neujahrskonzert ja nur die Ulmer dreist kopierten: Die einzig wahren Philharmoniker seien nun mal die „furchtlosen und vielseitigen“ Ulmer.

Also furchtlos und tapfer sind sie wirklich: An Silvester spielten viele Musikerinnen und Musiker zwei Vorstellungen des Musicals „My Fair Lady“ hintereinander – das heißt: Nach einer einstündigen, feucht-fröhlichen Jahreswechsel-Pause fiel der Vorhang erst gegen 1.40 Uhr. Und am selben Tag, Neujahr um 18 Uhr: die Neujahrskonzert-Premiere.

Dass Vergleiche in puncto Klang und Präzision mit den „Wienern“ natürlich nur spaßig gemeint sein können und die Ulmer ausgeschlafen im vierten, fünften Neujahrskonzert dann einsatzgeprobt zur Hochform auflaufen werden, ist klar. Aber toll, wie die Philharmoniker unter der souveränen, immer auch cool leichthändigen Leitung Handschuhs ein ungemein vielfältiges Programm durchpflügten, das nicht einfach nur mit Klassik-Hits köderte: nach dem gelungen Opern-Auftakt der „Marche funèbre d’une marionette“ von Gounod, Stücke aus Massenets „Cendrillon“, der Höllentanz aus Dvoraks „Teufelskäthe“ und Bartóks „Rumänische Volkstänze“. Und ein spanisch-lateinamerikanischer Block: der Fandango aus Vives’ Zarzuela „Doña Francisquita“, „Alma Llanera“ von Gutiérrez“ sowie die Winter-Episode aus Piazzollas „Cuatro estaciones porteñas“ (den „Vier Jahreszeiten der Menschen von Buenos Aires“) – Tamás Füzesi spielte das Violin-Solo, schön verrucht melancholisch-zerknittert wie sein ungebügelter Frack.

Künzel lieferte nicht nur pointierte erklärende Ansagen, er brillierte auch mit spanischen Konsonanten und freier Übersetzung: „La tarántula é un bicho mu malo – Die Tarantel ist eine ganz miese Bitch.“ Olé: Die Taiwanesin I Chiao Shih hatte damit auch keine Probleme, im Gegenteil, feurig sang sie dieses Lied aus Giménez’ „La Tempranica“.

Ja, I Chiao Shih legte als Gesangssolistin dieses Neujahrskonzert-Jahrgangs famose Auftritte hin: vom Bellini-Belcanto zu Dvoraks „Zigeunerliedern“, vom Piazzolla-Evergreen „Los pájaros perdidos“ bis zum Musical-Hit „Defying Gravity“ aus „Wicked“ – der als Berblinger-Hommage mit Flugsimulator-Film über Ulm illustriert wurde. Die Mezzosopranistin trotzte nicht nur der Schwerkraft, sondern auch allen musikalischen Klischees und hob in der Zugabe auch noch mit tief souliger Stimme mit dem Christina-Aguilera-Song „Tough Lover“ ab, begleitet von den Rock’n’-Roll-Philharmonikern. Wow! Und weiter zum Radetzky-Marsch. Abenteuerlich – und mitreißend.

Der neue Moderator

Debüt Es war jetzt ein Jubiläum: das 25. Neujahrs-Neujahrskonzert der Ulmer Philharmoniker. Das muss man so formulieren, denn als der frühere Operndirektor Klaus Rak und der damalige Generalmusikdirektor James Allen Gähres 1995 erstmals diesen Publikums-Hit präsentierten, war es im doppelten Sinne an Neujahr eine einmalige Sache. Mittlerweile dirigiert Timo Handschuh das Neujahrskonzert elf Mal (inklusive Gastspiel) bis Mitte Februar, und es gibt schon praktisch keine Karten mehr. Nach Klaus Rak und Matthias Kaiser debütierte jetzt mit Benjamin Künzel der dritte Moderator in der Geschichte der Ulmer Neujahrskonzerte. Operettenliebhaber Künzel stammt aus Lörrach, studierte in München und arbeitet seit 2005 am Theater in Ulm: als Musikdramaturg und Leiter des Jugendclubs Musiktheater, auch hat er als Regisseur schon zahlreiche Inszenierungen auf die Bühne gebracht.

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