Gericht Mithäftling in der Dusche vergewaltigt?

Ulm / Hans-Uli Mayer 19.01.2018
Von sechs Angeklagten spricht zum Prozessauftakt wegen schwerer Gewalttaten in der U-Haft nur einer.

Von der Verlegung aus der normalen Strafhaft in die Jugendabteilung hat sich ein heute 25-Jähriger im Jahr 2013 einiges versprochen. Gutes wohlgemerkt, weil er während der Haftzeit arbeiten wollte, was nur in der Jugendabteilung möglich war. Doch schon am ersten Tag zeigten ihm seine Mithäftlinge, was auf ihn zukommen würde. Sie griffen ihn in der Gemeinschaftsdusche an, versuchten ihm mit Gewalt einen Holzstock in den After zu drücken und verpassten ihm einige Ohrfeigen. „Ich war erst einmal geschockt“, sagte er jetzt vor dem Landgericht.

Dort ist er seit Donnerstag mit seinen Peinigern gemeinsam angeklagt – und zwar auch als Täter, weil er nach dem beschriebenen Vorfall mithalf, einen anderen Häftling zu quälen. „Ich habe mir zunächst dumme Sprüche anhören müssen, dann wurde ich aber zur Mithilfe gezwungen, als es gegen andere ging.“ Insbesondere hatten die zwei Hauptakteure des Sextetts einen 19-Jährigen im Blick, den sie drangsalierten, beleidigten, ihn bedrohten, ohrfeigten und in einem besonders krassen Fall zwangen, ein Gebräu aus Fäkalien, Sperma und Zigarettenasche zu trinken.

Wie es in der Anklageschrift heißt, haben sich derlei Vorfälle in den Monaten Oktober und November des Jahres 2013 über Wochen hingezogen – ganz offenbar unbemerkt von den Justizwachtmeistern, denn aufgekommen ist das ganze System erst, nachdem sich ein betroffener Häftling beschwert hatte. Warum das Verfahren erst jetzt verhandelt wird, liegt nach Informationen der SÜDWEST PRESSE an personellen Engpässen, die in den letzten Jahren beim Landgericht geherrscht haben.

Ein Angeklagter fehlt

Bis auf den 25-jährigen Angeklagten, der als Opfer wie als Täter in Doppelfunktion Aussagen gemacht hat, wollte sich am Donnerstag keiner der anderen Angeklagten äußern. Einer hätte es vorgezogen, gleich gar nicht zu erscheinen. Sein Verfahren wurde abgetrennt, nachdem alle Versuche, ihn durch die Polizei vorführen zu lassen gescheitert waren. Dem Vernehmen nach weiß weder die Familie noch der Bewährungshelfer etwas über den Verbleib des jungen Mannes.

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. Dann sollen Mithäftlinge gehört werden. Zu einem späteren Zeitpunkt sind auch Wachtmeister aus der Jugendabteilung geladen. Der Prozess ist bis Mitte März terminiert.