Ulm / IGOR STEINLE  Uhr
Spurenstoffe wie Röntgenkontrastmittel nehmen zu in deutschen Oberflächengewässern. Um dem entgegenzuwirken, startet das Fraunhofer-Institut eine Pilotstudie in Ulm - mit ungewöhnlichen Mitteln.

Geht es um Wasserverschmutzung, sind die üblichen Verdächtigen schnell ausgemacht: Dünger auf dem Feld lässt den Nitratwert im Grundwasser ansteigen, Östrogene aus der Antibabypille sorgen dafür, dass männliche Fische, anstatt Samen zu entwickeln, Eier legen. Einen anderen Delinquenten hingegen haben nur Wenige im Verdacht: Röntgenkontrastmittel.

Dabei landen 80 Prozent der 350 Tonnen Kontrastmittel, die jährlich in Deutschlands Kliniken und Radiologiepraxen verbraucht werden, in den Flüssen, schätzt Dr. Jutta Niederste-Hollenberg vom Fraunhofer-Institut in Karlsruhe. Auf der Rangliste der Arzneimittelrückstände in Oberflächengewässern nehmen Kontrastmittel damit einen unangefochtenen ersten Platz ein, weit vor den nachfolgenden Schmerzmitteln und Cholesterinsenkern. Dagegen will das Fraunhofer-Institut nun vorgehen.

In Ulm hat das Institut deswegen am 15. Oktober ein Pilotprojekt zur Reduktion der Gewässerbelastung durch Arzneimittel, kurz "MindER" (Minderung des Eintrags von Röntgenkontrastmitteln in die Umwelt), gestartet. "Wir wollen vom Ende des Abwasserweges Kläranlage an die Quelle kommen", sagt Ministerialrat Hans Neifer vom Landesumweltministerium, das die Studie finanziell unterstützt. Es soll also verhindert werden, dass das Kontrastmittel überhaupt erst ins Abwasser gelangt.

Geschehen soll das mit Hilfe von Travel John, einem Urinsammelbeutel aus dem Outdoor-Bereich. Granulat in seinem Inneren bindet den Urin zu einem geruchslosen Gel. Der Beutel kann dann über den Restmüll entsorgt werden. Dieser wird bundesweit in Müllverbrennungsanlagen vernichtet - der derzeit sicherste Entsorgungsweg für Medikamente.

Teilnehmen wird an dem etwa 300.000 Euro teuren Projekt sowohl die Radiologie der Uniklinik als auch die radiologische Gemeinschaftspraxis in der Olgastraße. Dort sollen die Urinbeutel an die Patienten ausgegeben werden. Kontrastmittel werden innerhalb von 24 Stunden aus dem Körper ausgeschieden, weswegen der Beutel nur einen Tag lang verwendet werden müsste. Zusätzlich finden Befragungen von Patienten und Klinik- bzw. Praxispersonal statt. Dies auch am Bundeswehrkrankenhaus und in einer radiologischen Praxis in Stuttgart. Ursula Maier, stellvertretende Referatsleiterin für Gewässerreinhaltung beim Umweltministerium, sagt: "Wir wollen herausfinden, ob Patienten bereit sind, diesen Beutel in den ersten 24 Stunden zu benutzen." Außerdem soll mit Messungen in der Kläranlage untersucht werden, welchen Effekt die Benutzung auf den Abwasserkreislauf hat.

Das Besondere an Kontrastmittel ist, dass es als stabile Substanz entwickelt wurde. "Es soll ja nicht im Körper wirken", erklärt Maier. "Aber weil es so stabil ist, bleibt es auch lange im Trinkwasser." Selbst moderne Kläranlagen wie das Klärwerk Steinhäule in Neu-Ulm können Kontrastmittel nicht vollständig entfernen.

Für die Gesundheit stellen die Kontrastmittel zwar noch keine Belastung dar. "Wir wissen aber nicht, wo die Schwelle liegt, ab der sie sich auf einmal schädlich auswirken", gibt Maier zu bedenken. Zudem geht von den diversen Arzneimittelrückständen, die in Oberflächengewässern zusammen vorzufinden sind, noch eine weitere Gefahr aus. "Wir wissen nicht, wie die verschiedenen Stoffe, die sich in den Gewässern zu einem Cocktail vermischen, zusammen wirken", warnt Dr. Niederste-Hollenberg vom Fraunhofer-Institut. MindER ist deswegen vor allem als Vorsorgemaßnahme zu begreifen.

Bis Weihnachten soll das Projekt in Ulm durchgeführt werden. Die Projektteilnehmer hoffen, bis dahin eine aussagekräftige Menge an Patienten mit Urinbeuteln ausgestattet und befragt zu haben. Danach beginnt die Auswertungsphase. Im Juni nächsten Jahres wollen die Wissenschaftler dann Zahlen vorlegen.

Vier Reinigungsstufen für sauberes Wasser

Hygiene Schon immer bauten Menschen ihre Siedlungen an Flüssen. Nicht nur, um Handel zu treiben - auch, um die Abwässer loszuwerden. Mit wachsenden Städten wurde diese Praxis zum Problem: Mangelnde Hygiene verursachte tödliche Seuchen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein änderte sich wenig daran. Heute durchläuft das Abwasser in modernen Kläranlagen mehrere Reinigungsstufen:

Mechanisch 1887 ging die erste Kläranlage Kontinentaleuropas in Frankfurt in Betrieb. Mit Sandfang und Rechenbank verfügte sie lediglich über die sogenannte erste, mechanische Reinigungsstufe. Sie hält grobe Verschmutzungen auf.

Biologisch Fünf Jahre später wurde in England ein biologisches Reinigungsverfahren entwickelt. In Deutschland entstand 1895 das erste Klärwerk mit biologischem Klärbecken. Darin werden Bakterien ins Wasser gemischt, die organische Bestandteile vertilgen.

Chemisch Die dritte Reinigungsstufe dient dazu, Nährstoffe wie Phosphor zu entfernen. Dem Abwasser werden Chemikalien beigemischt, wodurch sich die Stoffe als Schlamm absetzen.

Adsorptiv Das Neu-Ulmer Klärwerk Steinhäule verfügt bereits über eine vierte Reinigungsstufe. Aktivkohle absorbiert in ihr Spurenstoffe wie Hormone oder Arzneimittelrückstände wie eben Kontrastmittel. Zehn Milligramm Aktivkohle reichen dabei pro Liter Wasser aus, um Spurenstoffe bis zu 80 Prozent zu binden. Die EU will die vierte Reinigungsstufe zur Pflicht machen.