Irgendwie begann 1962 alles mit dem Helm eines amerikanischen GI. Den hatte der Soldat verloren, als er mit seinem Panzer durch die Münchner Straße donnerte. Dort stand der zehnjährige Carlheinz Gern am Straßenrand und hoffte auf die üblichen Kaugummis. Als er den Helm entdeckte, sammelte er ihn ein, radelte damit in die Wiley-Barracks und gab ihn ab. „Das war ein riesiges Hallo. Ich wurde gefeiert, bekam im EM-Club Cola und Eis, wurde samt Radl mit dem Jeep nach Hause gefahren und war von da an der Chef im Viertel“ – und hörte fürderhin nur noch den amerikanischen Soldatensender AFN.

Der EM-Club heißt seit Abzug der US-Armee Wiley-Club, Carlheinz Gern ist mittlerweile 66, leitet ganz in der Nachbarschaft der Münchner Straße den Ulmer Regionalsender Donau 3 FM, und feiert dieser Tage das 50-jährige Jubiläum als Konzertveranstalter.

„Wir hatten Glück in Ulm: AFN sendete bei uns auf UKW in ordentlicher Qualität. Das war damals die einzige Quelle für Pop- und Rockmusik“, erinnert sich Gern heute noch ganz genau an die Sendefrequenz: „94,0 Megahertz“. Auch deshalb, weil diese Frequenz später auch die des ersten Ulmer Lokalsenders sein sollte, bei dem Gern von Anfang an mitmischte: Radio Donau 1. Später kam dann der Regionalsender Radio 7, und seit zwölf Jahren leitet Gern nun schon den Lokalsender Donau 3 FM im Basteicenter.

Doch Gern hatte auch schon immer ein zweites Standbein – als Konzertveranstalter. „Ich wollte zu dieser Rockszene gehören. Ich fand das schon in der Schule cool.“ Gern besuchte die Waldorfschule, sein Nebensitzer war Jan Fride Wolbrandt, vor ihm saß Hellmut Hattler. Jan spielte mit seinem älteren Bruder Peter bei den Citizens, einer Lokalgröße, die 1967 als Vorband von The Who in der Donauhalle auftrat. 39 Jahre später holten Gern und sein Partner Rolf Weinmann diese britische Legende auf den Münsterplatz.

Als die Wolbrandts mit Hattler eine Band aufmachten, aus der später Kraan wurde, sollte Gern eigentlich die Orgel spielen. „Ich ging zu meiner Mutter und sagte ihr, dass ich eine Orgel bräuchte. Doch die winkte ab und sagte: Spiel erst mal ein Jahr lang Klavier, dann schauen wir weiter.“

Ein Jahr? „Wir hatten doch schon unseren ersten Gig ausgemacht“, erzählt Gern. Der fand auch statt – ohne Gern. Das Ende seiner Musikerlaufbahn, aber nicht das Ende der Karriere im Rockbusiness. Gern, der mit 16 auf die Handelsschule Merkur wechselte, traf auch dort auf einen Musiker: Klaus-Peter Schweizer. Und für dessen Band The Peace und Saubohnen organisierte Gern 1969 als 16-Jähriger zusammen mit seinem Freund und Partner Güther Burger die ersten Auftritte. „Ich saß mit Günther an der Kasse und kassierte den Eintritt: eine Mark.“ Die Bands bekamen davon 80 Prozent, die Veranstalter, also Gern und Burger, die zuvor mit einem Leiterwagen, Kleister und Plakaten bewaffnet die Stadt zutapeziert hatten, 20 Prozent.

Und weil es sich herumsprach, dass das Duo Gern/Burger gute Arbeit leistete, kamen immer mehr Bands, die im Altbayern (dem heutigen Kornhauskeller), dem Club 20 (heute das Theater in der Bastion im Fort Unterer Kuhberg), dem Donaukeller beim heutigen Maritim und später vor allem im Club „Hades“ spielen wollten. Bald kamen auch Musiker von außerhalb: „Wenn wir unsere Ulmer Bands in andere Städte vermittelten, mussten wir im Gegenzug auch immer Bands von dort bei uns auftreten lassen“, erinnert sich Gern.

Das florierende Geschäft endete allerdings abrupt: „Eines Tages kamen das Finanzamt und die Gema zu meiner Mutter und wollten ihren Mann Carlheiz Gern sprechen“, erzählt der 66-Jährige. „Mein Mann ist seit Jahren tot, das ist mein Sohn“, habe seine Mutter damals gesagt und dem 16-Jährigen künftige Aktivitäten als Rock-Promoter erst mal verboten.

Ein Verbot, das nicht lange vorhielt. Aus The Peace und Saubohnen wurde irgendwann die Band „Brandenburg“, und mit deren Demoband trampte Gern Anfang der 70er nach München zur deutschen Niederlassung der britischen Immmediate Records. Das Label hatte nicht nur solche Größen wie The Small Faces und Rod Stewart unter Vertrag, es hatte auch eine Band aus Nürnberg produziert, die Rock mit deutschen Texten sang: Ihre Kinder. Labelmanager Eckhard Rahn fand Brandenburg interessant, stellte aber die Bedingung, dass die Band deutsch singen müsse. Die Geburt von Professor Wolfff, die 1972 ihr einziges Album veröffentlichten, die zweite deutschsprachige Rock-Platte überhaupt, Monate vor Udo Lindenbergs „Daumen im Wind“.

Doch vorrangig blieb Gern Konzertveranstalter: „Ich hab dann schnell gelernt, wer das Finanzamt und die Gema sind.“ Gern und Burger holten Bands wie Kraftwerk, Can, aber auch internationale Acts wie UFO – vor allem in den Konzertsaal Neu-Ulm, der sich schnell als Rock-Bühne etablierte. „Das Risiko war gering: Die Bands spielten auf Umsatzbeteiligung, der Konzertsaal kostete gerade mal 100 Mark Miete. Der Eintritt lagen eigentlich nie über drei Mark“, schwärmt Gern von diesen goldenene Aufbruchszeiten.

Das richtige große Business kam aber 1978 nach Ulm, da war Gern der örtliche Partner von Lippmann & Rau, der damals wichtigsten deutschen Konzertagentur, die unter anderem die Stones und Eric Clapton vertraten. Und die Impresarios hatten sich Ulm als Spielort für ihr Open Air mit Stars wie Genesis, Frank Zappa, Alvin Lee und den Scorpions ausgesucht. „An diesem Tag war Ulm der Nabel der Rock ’n’ Roll-Welt“, erinnert sich Gern schmunzelnd. Ein Nabel mit vielen Fehlern: Massen von Müll, eine chaotische Organisation, ein völlig überfülltes Gelände. „Doch damals wusste noch keiner, wie man das richtig macht.“

Das weiß die Branche mittlerweile, und Gern ist nach geschätzten 1000 Konzerten als Veranstalter längst ein erfahrener Profi, der aber auch stolz darauf ist, dass er in Ulm so einiges angestoßen hat – etwa den Münsterplatz, den Wiblinger Klosterhof und das Wiley-Areal mit seinen jeweiligen Partnern als Konzertorte etabliert hat. Doch da schwebt ihm noch ein Ort vor, der „förmlich nach Konzerten schreit: die Wilhelmsburg“. Und Gern wäre nicht Gern, wenn er nicht schon längst intensiv Gespräche darüber geführt hätte.

Musiker der ersten Stunde


Konzert 50 Jahre ist es her, dass Carlheinz Gern sein erstes Konzert im Altbayern, dem heutigen Kornhauskeller, veranstaltete: Die Band hieß The Peace und Saubohnen. Und zu deren Besetzung gehörten auch Bassist Martin Dukek und Schlagzeuger Karl Hoeb. Die spielen heute immer noch zusammen – in der Gruppe Root 66, zu der auch Gerhard Rederer, Wulf Englert und Manfred Zoberbier gehören. Root 66 spielt zu Gerns Jubiläum am Samstag, 19 Uhr, im Alten Theater – zugunsten der Aktion 100 000 und Ulmer helft.