Senden/Kopenhagen Mit Hendrix zu Kierkegaard

Kam auf ungewöhnlichen Wegen zur Philosophie: der aus Senden stammende Hermann Schmid. Foto: Lars Schwerdtfeger
Kam auf ungewöhnlichen Wegen zur Philosophie: der aus Senden stammende Hermann Schmid. Foto: Lars Schwerdtfeger
Senden/Kopenhagen / HELMUT PUSCH 14.11.2013
Er lebt seit mehr als 30 Jahren in Kopenhagen, hat dort über Søren Kierkegaard promoviert und sitzt auch im Vorstand der Kierkegaard-Gesellschaft. Aufgewachsen ist Hermann Schmid aber in Senden.

Philosoph? Nein, ein Philosoph sei er nicht, sagt Hermann Schmid. Er habe zwar Philosophie studiert und lebe seit Jahrzehnten davon, Philosophie zu vermitteln, aber ein Philosoph sei er nicht. "Sich Philosoph nennen zu lassen, das können sich nur die Großen erlauben: Platon, Kant, Hegel", sagt Schmid.

Schmid ist in Sachen Geisteswissenschaften ohnehin ein Spätberufener. 1949 in Neu-Ulm geboren, wuchs er in Senden auf, besuchte dort die Hauptschule und machte eine Lehre als Werkzeugmacher in der Uhrenfabrik Senden, arbeitete dort auch sechs Jahre lang in seinem Beruf. "Ich war kein schlechter Schüler, meine Eltern hatten mich sogar aufgefordert, doch vielleicht die Realschule zu machen, aber ich hatte keine Lust dazu", erinnert er sich. Lust hatte er vor allem auf eines: Fußballspielen - beim FV Senden. "Ich war balltechnisch nicht schlecht, und wäre ich etwas schneller gewesen, hätte es vielleicht sogar für den SSV Ulm gereicht." Wohlgemerkt SSV, der Großverein SSV Ulm 1846 entstand erst 1970.

Er führt ein durchschnittliches Leben, das am 19. Januar 1969 eine neue Wendung bekam: "Mein Freund Albert Maier, der selbst ein guter Gitarrist war, kam auf den Fußballplatz und sagte: Hermann, wir fahren nach Stuttgart, dort spielt der Jimi Hendrix." Schmid zog sich um, die beiden setzten sich in den VW, den sich der Freund von den Eltern ausgeliehen hatte, und fuhren nach Stuttgart, bekamen noch Karten für das zweite Konzert des Abends. "Ich war platt. Das war alles ganz neu für mich. Diese Musik, diese Freiheit", schwärmt Schmid. "Und dann am nächsten Tag wieder die Arbeit in der Uhrenfabrik. Das brachte ich nicht mehr zusammen." Schmids Unzufriedenheit wuchs. "Das ich darüber nachdachte, meine Unzufriedenheit konstatierte, war irgendwie mein Einstieg in die Philosophie." Dazu kam, dass Schmid wegen gesundheitlicher Beschwerden das Fußballspielen aufgeben musste, seine Freundin, die am Ulmer Scholl-Gymnasium Abitur machte, ihn immer wieder aufforderte, wieder auf die Schule zu gehen, und seine erste Skandinavienreise. "Ich bin immer wieder nach Skandinavien gefahren, das war eine andere Welt: viel offener, viel freier."

Nach sechs Jahren als Werkzeugmacher fiel die Entscheidung: Schmid ging wieder zur Schule, baute die Mittlere Reife an der Abendrealschule, schrieb sich an der Münchner Hochschule für Politik ein, eine Institution, in der man erst im sechsten Semester das Abitur nachweisen musste, machte das Begabtenabitur in Bonn. Und hörte in der Ludwig-Maximilans-Universität Vorlesungen in Philosophie, aber auch in Germanistik, Ästhetik und Kunst.

Schmid lebte vom Bafög und von Ferienjobs. Was er später beruflich mit seinem Wissen anfangen sollte, interessierte ihn nicht. "Ich dachte mir, wenn ich in meinen Dingen gut bin, dann finde ich damit schon eine Arbeit." Eine Ansicht, die schon sehr auf den Philosophen Søren Kierkegaard (1813-1855) verweist. Der attestierte seiner Zeit gar, dass sie am Nutzendenken kranke.

Für seine Studien über Kierkegaard erhielt Schmid auch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes für Kopenhagen, wo der Deutsche letztlich auch über den dänischen Philosophen promovierte - und dessen Denken verinnerlichte. "Wie Kierkegaard selbst habe ich auch nie einen festen Job gehabt", sagt Schmid. Er unterrichtete Philosophie an der Volksuniversität Kopenhagen, hielt kunstgeschichtliche Vorträge im Museum Louisiana, arbeitete als Dramaturg für diverse Bühnen, übersetzte die Kierkegaard-Biografie Joakim Garffs und Per Reinholdts Porträt "Björk:Musik!" ins Deutsche. Ein Homme de lettres, ein Duzfreund Martin Walsers, der auch schon das Haus des Star-Autors hütete, und sich jetzt im Ruhestand auch in seiner alten Heimat wieder verstärkt engagiert. Im Stadthaus hielt er vor 150 Zuhörern einen Vortrag über Kierkegaard, bereitet mit der Autorin Silke Knäpper und dem Neu-Ulmer Unternehmer Gerhard Mayer literarische Abende vor . . . Und das alles begann mit einem Konzert von Jimi Hendrix.

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