"Das Gebäude liegt schön, im Grünen." Sagt Münch und lacht. Lacht, weil er sehr schnell erkannte, dass eine idyllische Lage zwar schön und recht ist, aber auch die finanziellen Voraussetzungen für Forschung stimmen müssen. Und beim Thema HIV/Aids floss das Geld. Zurück zum Haus im Grünen: Frank Kirchhoff, gerade aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt, ließ den jungen Studenten ins Institut. Die beiden kamen ins Gespräch, das war der Beginn einer Forscherkarriere, die eng mit dem elf Jahre älteren Kirchhoff verbunden bleiben sollte. Auch und gerade weil beide an die Uni Ulm wechselten: Kirchhoff folgte 2001 einem Ruf als Professor, Münch kam ein Jahr später hinterher, nachdem er seine Promotion in Erlangen gemacht hatte.

Beide sind mittlerweile etabliert in der Wissenschaftswelt. Wenn es um das Thema HIV/Aids geht, dann fällt der Name des renommierten Leibniz-Preisträgers Kirchhoff oft in einem Atemzug mit dem seines langjährigen Mitarbeiters Münch. Dutzende von Studien haben sie im Kampf gegen die Virus-Infektion veröffentlicht. Um HIV/Aids ist es allerdings in den vergangenen Jahren stiller geworden sei, sagt Münch, der inzwischen am Institut für Molekulare Virologie eine eigene Forschergruppe um sich geschart hat.

Dass die Medien weniger über das Thema berichten, ist dem Umstand geschuldet, dass HIV seinen ursprünglichen Schrecken etwas verloren hat. Zumindest in den Ländern, die eine gute Gesundheitsversorgung aufweisen. War früher die Diagnose Aids gleichbedeutend mit dem Tod, hat sich dies dank der Kombinationstherapie geändert, "sie war der Durchbruch. Die Medikamente, meist drei verschiedene Wirkstoffe, weil das Virus gegen einen einzigen Wirkstoff resistent werden kann, reduzieren die Virusmenge im Körper fast auf Null", erklärt Münch. Mit der Betonung auf: fast. Denn das Virus überlebt in Teilen des Körpers weiter, er persistiert, wie es in der Fachsprache heißt, selbst wenn er über Jahre nicht mehr nachweisbar ist. Sobald die Therapie ausgesetzt wird, "taucht das Virus ein bis zwei Wochen später wieder im Blut auf".

Heilung freilich gibt es nicht, auch einen Impfstoff hat die Forschung noch nicht zuwege gebracht - trotz größter Anstrengungen. Warum das Virus so lange im Körper überdauern kann und wie man es schließlich eliminieren kann, daran wird weltweit intensiv geforscht - an diesem Thema ist auch Institutsdirektor Kirchhoff mit seinen Wissenschaftlern dran.

Münch und sein Team forschen dagegen, wie die sexuelle Übertragung verhindert werden kann. Sie arbeiten an so genannten Mikrobiziden, chemische Substanzen in Form eines Vaginalgels, das Frauen in Entwicklungsländern vor einer HIV-Infektion schützen könnte. Nun geht zwar die Zahl der HIV-Infektionen und Aids-Toten weltweit gesehen leicht zurück, sagt Jan Münch. In der stark von HIV betroffenen Sub-Sahara-Zone, im südlichen Afrika leben aber Schätzungen der Aids-Hilfe zufolge 24,7 Millionen Menschen mit HIV. Von denen nur die wenigsten Zugang zu Medikamenten haben, das heißt: Das Virus tötet und tötet, weil es dort millionenfach jedes Jahr übertragen wird - hauptsächlich über Geschlechtsverkehr.

Vaginalgele, die Mikrobizide enthalten, sind in der Vergangenheit schon verwendet worden. "Das ist aber eine Geschichte von Fehlschlägen", verweist Münch auf Studien, die man heute in dieser Form nicht mehr durchführen würde. "Es gibt wirklich keines, das vor einer Infektion mit HIV durch Geschlechtsverkehr schützt." Im Gegenteil: Einigen der Vaginalgele hätten sogar die Wahrscheinlichkeit erhöht, an HIV zu erkranken. "Als Prophylaxe versagen sie völlig. Erstens sind sie nicht einfach zu applizieren vor dem Geschlechtsverkehr. Zweitens werden die Wirkstoffe häufig nicht homogen freigesetzt."

Münch setzt an einem anderen Punkt an, an körpereigenen Verbindungen, die die Virus-Infektion beeinflussen: so genannte Peptide. Diese Eiweißbausteine sind bislang kaum erforscht, sagt der Virologe. "Aber man weiß, dass sie Signale weiterleiten, also wichtig sind für die Kommunikation zwischen den Zellen." Weil es Millionen dieser Bausteine gibt, hat Münch mit Kollegen eine Peptid-Bibliothek angelegt, in der einiges an Arbeit drinsteckt. Denn die einzelnen Peptide müssen extrahiert werden, um mit ihnen forschen zu können. "Aber mit ihnen zu experimentieren, ob und welchen Einfluss sie auf HIV haben, das ist richtig spannend. Wir haben damit auch eine ganz neue Forschungsrichtung aufgemacht."

Gemeinsam mit Kirchhoff hatte Münch bereits 2007 gezeigt, dass diese Peptide, die stäbchenartige klebrige Fibrillen im Sperma ausbilden, eine entscheidende Rolle bei der Infektion spielen. "Das Virus nutzt diese Fibrillen aus, um sich übertragen zu können. So dockt es besser an die Zielzelle an ", erklärt Münch den Mechanismus. Das Perfide: Diese Fibrillen konnten in jeder untersuchten Spermaprobe nachgewiesen werden. "Wenn die Fibrillen eine HIV-verstärkende Wirkung haben, müssen wir also etwas finden, das die Fibrillen ausschaltet."

Und das gelang tatsächlich mit einer Substanz, die aus der Alzheimer-Forschung kommt und vom Essener Wissenschaftler Thomas Schrader entdeckt wurde. Münch, Schrader und der US-amerikanische Fibrillen-Forscher James Shorter hatten sich für dieses Projekt zusammengetan. Die Substanz, die im Englischen als "Tweezer" und im Deutschen als "molekulare Pinzette" bezeichnet wird, blockiert aber nicht nur die Bildung dieser Fibrillen, sie löst auch bereits an Fibrillen gebundene Viren und bricht deren Zellhülle auf. Mit dem Erfolg, dass der Erreger nicht mehr infektiös ist. Dass der Tweezer nicht nur bei HIV, sondern auch bei anderen sexuell übertragbaren Viren wie Herpes simplex und Hepatitis C wirkt, zeigte die Studie, die jüngst in einem renommierten Journal publiziert wurde.

Wie es weitergeht, wird sich demnächst bei einem Treffen in Essen weisen. Ein US-amerikanisches Team von Wissenschaftlern, das in eine ähnliche Richtung forscht, von dem Münch aber bis vor kurzem keine Kenntnis hatte, wird sich beteiligen. "Wir haben beschlossen, alles zusammenzuwerfen. Die Ergebnisse gleichen sich." Zunächst gilt es herauszufinden, warum die molekulare Pinzette selber nicht toxisch für die Zellen ist, aber das Virus zerstört.

Man wird aus den Laboren des neuen Forschungsgebäudes auf dem Oberen Eselsberg sicherlich noch einiges im Kampf gegen HIV/Aids hören.