Tag des offenen Denkmals Mit dem Rollstuhl aufs Münster

Blick auf die Stadt von oben: Den konnte Konstantin Linder (im roten Hemd) zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren wieder vom Münster aus genießen.
Blick auf die Stadt von oben: Den konnte Konstantin Linder (im roten Hemd) zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren wieder vom Münster aus genießen. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Christine Liebhardt 10.09.2018
Zum Tag des offenen Denkmals haben Münstergemeinde und Kulturloge Menschen im Rollstuhl die Auffahrt auf den Turm ermöglicht.

Mein letzter Ausflug ist 30 Jahre her. Das war sehr eindrücklich“, sagt Ann-Marie Siebu und strahlt Zufriedenheit aus. Angst hätten die 51-Jährige und ihre Begleiterin nicht gehabt, auf 70 Metern Höhe auf dem Baugerüst am Münsterturm. Schade sei nur gewesen, dass man nicht auch auf die andere Seite habe fahren können. „Und ein bisschen mehr Zeit wäre schön gewesen.“ Eine Viertelstunde hatten die Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer jeweils Zeit, sich außen am Turm knapp oberhalb der „normalen“ Besucherplattform umzusehen. Zum Tag des offenen Denkmals gestern haben die Münstergemeinde, das Münsterbauamt und die Kulturloge erstmals angeboten, mit dem Rollstuhl hoch auf die Kirche zu können.

Spannender Blick von oben

Den Anstoß gegeben hatte Ulrike Lambrecht, Vorsitzende der Kulturloge. Ihr Lebensgefährte Martin Maier, selbst Rollstuhlfahrer, hatte die Idee, als er eines Tages am Bauaufzug vorbei kam. 32 Plätze gab es, und die waren gut nachgefragt: „Die letzten zehn Tage hätte ich jeden Tag noch fünf Menschen anmelden können“, sagt sie. Und ist begeistert von diesem „ganz anderen Gefühl“ auf dem Baugerüst: „Man spürt dieses Gebäude, das hat eine solche Mächtigkeit.“ Wer allerdings Höhenangst habe, der bekomme sie auch.

„Danke, dass Sie das ermöglicht haben“, wandte sich Konstantin Linder an die Organisatoren. Seit zweieinhalb Jahren sitzt der 25-Jährige im Rollstuhl. „Davor war ich als Ulmer natürlich mehrfach oben“, erzählt er. „Ich schicke meine Freunde immer hier hoch, wenn sie zu Besuch sind.“ Auch Sabine Rothenbücher war begeistert – und die allererste, die sich angemeldet hat. „Das ist eine tolle Möglichkeit, ich musste das gleich ausnutzen.“ Spannend fand die Ulmerin nicht nur den Blick auf die Dachterrassen von oben, sondern auch den Anblick der Münstersteine von Nahem. „Man sieht, wo sie noch nicht bearbeitet wurden und wie viel Arbeit das ist.“

Kommt man aus dem Aufzug heraus, eröffnet sich durch die Sicherheitsnetze hindurch der Blick nach Süden, Richtung Altstadt und auf die Donau. Münsterbaumeister Michael Hilbert fuhr ebenfalls immer mal wieder mit dem Aufzug hoch und runter, beantwortete Fragen der Besucher. „Die Menschen sind sehr ergriffen, dass sie das erleben dürfen“, beobachtete er. „Ich finde das toll, so was zu machen. Das ist Inklusion pur.“ Am Vortag hatten Mitarbeiter der Münsterbauhütte das Gerüst extra nochmal abgesichert, weiß Münsterpfarrer Stefan Krauter. „Das ist so gemacht, dass man wirklich nicht runterfallen kann. Man muss das sehr gut vorbereiten.“ Krauter war es auch, der unten am Boden spontane Anfragen ablehnen musste: „Das geht wirklich nur mit Anmeldung.“

Bei Wind und Regen ist es aus

Weil das Interesse allerdings so rege war, denken die Organisatoren schon mal laut über eine Wiederholung nach. „Wenn es so gut und problemlos läuft, dann können wir das nächstes Jahr am Tag des offenen Denkmals wieder machen“, findet Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. Und auch Krauter sagt: „Natürlich nehmen wir den Wunsch ernst und freuen uns über das Interesse“, fügt aber hinzu, dass das Wetter mitspielen muss. „Ab einer gewissen Windstärke oder bei Regen ist es sofort aus.“

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Wo man sich noch umschauen konnte

Termin Der Tag des offenen Denkmals findet jedes Jahr am letzten Tag der baden-württembergischen Sommerferien statt. Dann öffnen sich die Türen von Baudenkmälern, die man sonst entweder gar nicht oder zumindest nicht aus dieser Perspektive besichtigen kann.

Führungen Elf kostenlose Angebote gab es in Ulm: Neben den Münsterführungen ging es ins Kiechelhaus, Salzstadel, Reichenauer Hof und das Glockenbrunnenwerk im Seelengraben. Auch das Reduit der Donaubastion, das Nebenwerk der Bundesfestung am Eselsberg, das Offizierskasino an der Zinglerstraße und die KZ-Gedenkstätte konnten besichtigt werden, ebenso die ältesten Brücken und die Zundeltor-Apotheke.

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