Aktion Mit bunten Fahnen Wahlrecht für Frauen feiern

Die grafischen Entwürfe sind schon weit gediehen, die künstlerischen noch in Arbeit: Anja Stemshorn (links) und Daniela Kluthe-Neis lassen mehr als 2000 Fahnen drucken.
Die grafischen Entwürfe sind schon weit gediehen, die künstlerischen noch in Arbeit: Anja Stemshorn (links) und Daniela Kluthe-Neis lassen mehr als 2000 Fahnen drucken. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Sie rauchten / Christine Liebhardt 08.08.2018

Sie rauchten. Sie hungerten. Sie demonstrierten friedlich. Und sie bewaffneten sich auch: Jahrzehntelang kämpften die Suffragetten in Großbritannien und in den USA darum, dass Frauen wählen und sich zur Wahl stellen dürfen. Klar, dass diese Gemengelage sich irgendwann zu einem Film verdichten musste. „Suffragette“ kam vor zwei Jahren ins Kino, und als Anja Stemshorn und Daniela Kluthe-Neis ihn (unabhängig voneinander) sahen, war es für beide ein Anstoß, sich mit der Geschichte der Bewegung zu beschäftigen. In Deutschland ist am 12. November 1918 beschlossen worden, dass das Wahlrecht reformiert werden soll, vor knapp 100 Jahren also. „Mir war das echt ein Anliegen, dass das gefeiert wird“, sagt Stemshorn. „Das ist bis heute für die gesamtgesellschaftliche Situation wichtig.“

2000 Stück für die Bürger

Gemeinsam mit Kluthe-Neis hat die Architektin deshalb die Aktion „100 Jahre Frauenwahlrecht“ angestoßen. „Die Ulmer sind doch alle so scharf auf Fahnen“, weiß Stemshorn. Für ihr Projekt wollen die Frauen deshalb 2000 Fahnen drucken lassen und sie zum Selbstkostenpreis von voraussichtlich 12 Euro an interessierte Ulmerinnen und Ulmer verkaufen. Zehn Grafiker und Künstlerinnen gestalten unterschiedliche Motive, nur die Farben – grün, orange, rot – sind als verbindendes Element vorgegeben. „Im November ist so eine Depri-Stimmung, da soll was mit Farbe in den öffentlichen Raum.“

Die Bürger sollen mitmachen, indem sie die Flaggen nicht nur kaufen, sondern sie zum Stichtag im November auch auf- oder aus dem Fenster hängen. Sie sind 60 Zentimeter breit und 1,60 Meter hoch. Über das Frauenbüro haben die Initiatorinnen außerdem die Fahnenmasten der Stadt reserviert. Für die deutlich größeren Fahnen mit den Maßen 1,50 mal 5 Meter, die rund 100 Euro kosten werden, suchen die Frauen Sponsoren. Den Gedanken hinter der Aktion erklärt Kluthe-Neis so: „Der, der sich bisher noch keine Gedanken darüber gemacht hat, soll mal gucken – und sich informieren.“

Sobald die kleineren Exemplare hergestellt sind, werden sie in einigen Geschäften in der Innenstadt verkauft. Im Oktober soll es dann noch für drei Tage eine zentrale Verkaufsstelle geben, doch bis dahin ist noch viel zu organisieren. Zum Beispiel auch Neu-Ulm ins Boot zu holen. „Das soll sich im Schneeballsystem ausbreiten, wir stellen unsere Druckvorlagen gerne auch anderen Städten zur Verfügung“, wirbt Stemshorn. Abseits aller Parteipolitik steckt durchaus ein ernster Ansatz hinter der gemeinsamen Aktion: Schließlich könne sich heute kaum noch jemand vorstellen, was das Wahlrecht für Frauen damals für eine Bedeutung hatte. „Wir müssen uns politisch engagieren, man sollte das Wahlrecht wahrnehmen. Mitbestimmen ist Lebensqualität.“

Was dem Team noch wichtig ist: „Das soll nicht nur für intellektuelle Menschen sein, die sich mit Gender befassen, sondern für alle“, betont Stemshorn. Deshalb sollen die kleinen Kunstwerke bezahlbar sein, deshalb arbeiten alle, die an der Aktion beteiligt sind, ehrenamtlich. „Wir hoffen, dass wir auf Null rauskommen.“ Falls doch etwas übrig bleibt, werde das Geld in ein weiteres Projekt gesteckt oder gespendet.

Anja Stemshorns Wunsch für den November: „Es wäre schön, wenn die Stadt plötzlich bunt wird.“

Wer den Druck der großen Fahnen finanziell unterstützen will, kann sich bei Daniela Kluthe-Neis melden:
d.kluthe-neis@web.de.

1919 erstmals an die Urnen

Aufruf „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen“. So lautete der Aufruf an das Deutsche Volk vom Rat der Volksbeauftragten am 12. November 1918. Am 19. Januar 1919 konnten Frauen erstmals wählen, und zwar die Nationalversammlung.

Künstler Diese Menschen entwerfen die Motive für die Fahnen: Lioba Geggerle, Dominik Lahaye, Heinz-Peter Lahaye, Gabriela Nasfeter, Heike Sauer, Nicola Schindler, Janina Schmid und Andrea Tiebel-Quast.

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