Medizin Mit Blasenschrittmacher gegen Inkontinenz

Am Modell erklären Oberärztin Dr. Miriam Deniz und Frauenklinik-Chefarzt Prof. Wolfgang Janni, wie der Blasenschrittmacher – die Ärztin hält ihn zwischen den Fingern – funktioniert.
Am Modell erklären Oberärztin Dr. Miriam Deniz und Frauenklinik-Chefarzt Prof. Wolfgang Janni, wie der Blasenschrittmacher – die Ärztin hält ihn zwischen den Fingern – funktioniert. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Christoph Mayer 28.08.2018

Blasenschwäche bei Frauen ist etwas, das man gemeinhin als Tabuthema bezeichnet. „Psst! Ich hab’ das auch. Aber erzähl’s bloß nicht weiter.“ Solche Sätze haben Kreszentia Geprägs und Silvia Fraß regelmäßig zu hören bekommen, wenn sie im Bekanntenkreis über ihr Leiden reden wollten. Eine Tortur seien die vergangenen Jahre gewesen, sagt Fraß (51), und Geprägs (60) pflichtet ihr bei. „Egal, wo ich hin bin, ich hab’ erst mal die Toilette gesucht.“ Längere Busfahrten? Unmöglich! „Meine Blase hat mein Leben kontrolliert.“

Was im Volksmund „Reizblase“ heißt, ist ein Massenphänomen. Fast jede dritte Frau leide hierzulande an einer überaktiven Blase und damit an oft unerträglichem Harndrang, der im schlimmsten Fall nicht zu kontrollieren sei, sagt Dr. Miriam  Deniz, Leiterin des Beckenbodenzentrums an der Ulmer Uni-Frauenklinik. Hinter den Beschwerden stecke überwiegend keine Krankheit.  „Oft ist das antrainiert.“  Doch auch als Folge von operativen Unterleibseingriffen, Bestrahlungen oder Diabetes kann Harninkontinenz  Frauen das Leben versauern.

Die Behandlung erfolgt in der Regel nach einem Stufenschema, erklärt die Oberärztin. Beginnend bei Beckenbodentraining über die Gabe von Vaginalzäpfchen zur Verbesserung der Blasendurchblutung bis hin zu anderen Medikamenten. 2012 wurde sogar Botox zur Behandlung zugelassen. Das Nervengift wird in die Blase eingespritzt und lähmt für etwa ein dreiviertel Jahr den Blasenmuskel. Effektiv, manchmal allerdings zu effektiv. Die Blase wird schlaff, kann nicht mehr vollständig entleert werden, immer wiederkehrende Harnwegsinfektionen können die Folge sein.

Für Patientinnen wie Geprägs und Fraß, die alle konventionellen Therapieformen durch hatten und immer noch nicht von ihrem Leiden erlöst waren, gab es  bislang wenig Hoffnung. Zumindest nicht in Ulm, denn auf die Implantation eines Blasenschrittmachers waren nur sehr wenige Zentren in  Deutschland  spezialisiert.

Seit kurzem bietet nun auch die Ulmer Frauenklinik dieses Verfahren an. Vergangene Woche hat Deniz erstmals bei zwei Frauen – Fraß und Geprägs – einen solchen Schrittmacher eingesetzt. Ähnlich wie ein Herzschrittmacher sendet das kleine, hinter dem Kreuzbein sitzende Gerät kontinuierlich feine Stromimpulse aus, die auf die Blase beruhigend wirken sollen.

Der Eingriff selbst sei risikolos und erfolge minimalinvasiv, sagt die Ärztin. Nach zwei Tagen können die Patienten die Klinik verlassen. Allerdings will man in Ulm bis auf Weiteres ganz auf Nummer sicher gehen. Deshalb sind pro Patientin zwei Eingriffe nötig. „Um zu testen, ob die Behandlung anschlägt, setzen wir in einem ersten Schritt nur die Elektrode ein, die  mit einem provisorischen Schrittmacher außerhalb des Körpers verbunden ist.“ Dieses kleine Gerät wird  am Gürtel getragen – für die Dauer von etwa vier Wochen. Verläuft die Testphase erfolgreich und die Therapie schlägt an, wird in einem zweiten Schritt – wieder minimalinvasiv – der eigentliche Schrittmacher unter die Haut gesetzt. Der nächste Eingriff ist dann erst etwa acht Jahre später nötig: Batteriewechsel!

Anderen Frauen Mut machen

Kreszentia Geprägs und Silvia Fraß  haben die OP’s hinter sich gebracht und sitzen wenige Tage nach ihrer Entlassung vergnügt im Konferenzzimmer der Frauenklinik. „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt“, sagt die 60-Jährige, „ich kann wieder überall hin, ohne panisch nach der Toilette suchen zu müssen“. Auch die 51-Jährige konstatiert: „Meine Lebensqualität ist wieder da.“  Mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit wollen die Frauen ihren Leidensgenossinnen Mut machen: erstens, über das Thema zu sprechen, zweitens, auch dann nicht aufzugeben, wenn konventionelle Therapien nicht die gewünschte Wirkung zeigen.

Dr. Deniz zufolge zahlen die gesetzlichen wie privaten Krankenkassen den nicht billigen Eingriff – Kosten rund 20 000 Euro – anstandslos, sofern von Ärzten die entsprechende Indikation gestellt wird. Ein Massenphänomen dürfte der Blasenschrittmacher aber wohl nicht werden. „Wir bleiben bei unserem Stufenschema. Nur für zwei bis drei Prozent der Patientinnen kommt die neue Methode in Frage“, sagt die Oberärztin.

Behandlungsmethode nicht nur für Frauen

Interstim-Therapie Das Einsetzen eines Schrittmachers zur Behandlung von Funktionsstörungen von Blase und auch Enddarm (Interstim-Therapie) ist bei Frauen und Männern möglich. Weltweit wurden 250 000 Patienten behandelt. Die Erfolgsquote liegt laut Hersteller – je nach Indikation – bei maximal 85 Prozent. „Hundertprozentige Verbesserung sollte nicht erwartet werden“, so die Firma.

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