Musik Mit allen Registern: Auf Orgelreise mit Joseph Kelemen

Neu-Ulm / Von Henri Gallbronner 23.08.2018

Großes Hallo an der Steinernen Brücke – von Beginn an herrscht bei der eintägigen Orgelreise mit dem Neu-Ulmer Organisten Joseph Kelemen eine familiäre Atmosphäre. Seit zwölf Jahren bietet das Ulmer Busunternehmen Baumeister-Knese Fahrten zu Orgeln in ganz Deutschland  an, die meisten Teilnehmer sind Stammgäste.

Was ist so faszinierend an Orgeln? „Eine Universalorgel gibt es nicht, nur eine, die diesem Ideal ziemlich nahe kommt“, sagt Kelemen. Dazu zählt er die Orgeln im Rottenburger Dom, dem ersten Ziel der Tagesfahrt. Außerdem: Man könne nicht jedes beliebige Stück auf jeder beliebigen Orgel spielen. Die Literatur müsse immer „zum Wesen der Orgel passen“, sagt Kelemen.

In Rottenburg wird die Reisegruppe von Domorganist Johannes Sturm erwartet, der die Besonderheiten der Rottenburger Instrumente erklärt:  Die beiden Orgeln des Doms, die viermanualige Hauptorgel und die zweimanualige Chororgel, sind so miteinander verbunden, dass man beide sowohl vom Spieltisch der Hauptorgel auf der Empore, als auch vom mobilen Spieltisch der Chororgel aus spielen kann – nach Wunsch auch gleichzeitig. Jedes Register klinge gut: „Da gibt es keins, wo man sagen müsste, das lassen wir mal lieber weg.“

Das demonstrierte Joseph Kelemen in einem kurzen Konzert und nutzte dabei den Stereoeffekt, der aufgrund der unterschiedlichen Positionen der Orgeln zustande kommt und keine ganz neue Entdeckung ist: „Was wir heute mit den modernen Stereoanlagen machen, war schon ein Klangideal des 17. Jahrhunderts“, erklärte Kelemen. Eine weitere Besonderheit ist die in die Hauptorgel integrierte Celesta, eine Art Glockenspiel, die der Organist in „Madonna“ von Dezsö Antalffy-Zsiross zum Klingen brachte.

Auch im musikwissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen, der zweiten Station der Orgelfahrt, gibt es zwei Orgeln, rekonstruierte Barockorgeln nach französischem und italienischem Vorbild. Doch die Instrumente bleiben diesmal weitgehend graue Theorie, die Uni hatte den Pfleghof doppelt vergeben. Kelemen improvisiert also und hält in der Kapelle eine Lehrstunde über die beiden Nachbauten und die darauf gespielte Musik: „Die französische Barockmusik hat ganz merkwürdige Eigenschaften“, erklärt er: „Da wurde quasi rückwärtskomponiert.“ So sind die Werke mit genauen Registrierungsanweisungen überschrieben, die in einer Tabelle gesammelt sind. Der Komponist schreibt nicht nur die Musik, sondern legt gleich zu Beginn seiner Arbeit an einem Werk die zu verwendenden Register fest.

Die Besonderheit des italienischen Instruments im Pfleghof:  Es ist in der sogenannten mitteltönigen Stimmung gestimmt,  was zur Folge hat, dass sich manche Tonarten für das europäische Ohr „falsch“ anhören. Die Lösung der barocken Orgelbauer: Sie fügten Doppeltasten ein, etwa je eine für Dis und Es. Und diesen Unterschied hört man.

Die letzte Orgel der Reise ist zugleich die schönste – ästhetisch wie akustisch. Das im 18. Jahrhundert von Johann Nepomuk Holzhey erbaute Instrument im Obermarchtaler Münster wurde zwar immer wieder verändert, konnte jedoch originalgetreu restauriert werden. Dass der „Hausorgelbauer der Prämonstratenser“, wie Kelemen Holzhey betitelt, ein Meister seines Fachs war, wusste jeder Orgelreisende zwar schon vorher, doch als Kelemen auf der 43 Register fassenden Orgel Werke wie Johann Pachelbels Präludium in d-Moll anstimmt, kann man nur begeistert sein.

Das Publikum darf bei Kelemens Orgelreisen nicht nur zuhören, sondern die Instrumente ausprobieren. Dieses Angebot nimmt Waltraud Schairer, die sonst in Kliniken die Gottesdienste gestaltet, immer wieder gerne an. Auch sie ist Stammgast bei den Orgelreisen: Im Herbst, wenn es nach Holstein und Mecklenburg geht, ist sie wieder dabei.

Welterbe im Land

Ende 2017 hat die Unesco die Orgelmusik und den Orgelbau zum Weltkulturerbe erklärt. Im Südwesten Deutschlands gibt es mit 7000 bis 8000 Instrumenten die größte Orgeldichte. Bundesweit werden etwa 50 000 Orgeln – vor allem in Kirchen und Konzertsälen – von zehntausenden von haupt- und nebenamtlichen Organisten regelmäßig gespielt. Zudem haben 60 der rund 400 deutschen Orgelbaubetriebe ihren Standort in Baden-Württemberg.

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