Ulm Mit 41 nochmals die Schulbank drücken

Ayhan Ata ist stolz auf ihren Abschluss, den sie mit besonderer Auszeichnung gemacht hat - dem "Max-Award", den sie in den Händen hält.
Ayhan Ata ist stolz auf ihren Abschluss, den sie mit besonderer Auszeichnung gemacht hat - dem "Max-Award", den sie in den Händen hält. © Foto: Oliver Schulz
YASEMIN GÜRTANYEL 26.08.2014

Mit 17 Jahren hatte Ayhan Ata geheiratet, das erste Kind bekam sie mit 20, es folgten zwei weitere. Vor allem Mutter war sie in der Zeit gewesen, wenn sie auch 16 Jahre lang nebenher in einem Restaurant gearbeitet hatte. Die Gelegenheit, einen richtigen Beruf zu lernen, hatte sie aber nicht. "Mein Papa ist etwas streng", sagt die heute 43-Jährige über ihr türkischstämmiges Elternhaus. "Ich musste früh heiraten."

Dann, mit 41 Jahren, hat sie der Ehrgeiz doch nochmal gepackt: Ayhan Ata entschied sich, an die Berufsschule zu gehen und eine Ausbildung zur Sozialbetreuerin zu machen. Unterstützt wurde sie dabei von Renate Kögel, der Ansprechpartnerin für das Projekt "Integrationsmentoren" der Stadt Neu-Ulm, wo Ata ehrenamtlich mitarbeitet. Kögel hat den Kontakt zur Berufsschule Neu-Ulm vermittelt, wo Ata sich vorstellte. Es gab bei der Sache nur ein kleines Problem: "Die Noten in meinem Abschlusszeugnis waren nicht die allerbesten", gesteht Ata etwa zerknirscht. "Es war sogar eine Fünf dabei - das hatte ich völlig vergessen."

Letztendlich aber hat das alte Schulzeugnis ihre Zukunftspläne nicht durchkreuzt. "In Frau Atas Fall war ihre Biographie entscheidend", sagt Josef Petz, Schulleiter der Berufsschule Neu-Ulm. Unter anderem ihr ehrenamtliches Engagement hatte ihn überzeugt, aber auch die Entschlossenheit und die Energie, die sie an den Tag legte.

Petz sollte sich in seiner neuen Schülerin nicht täuschen: Ayhan Ata hat nicht nur ihren Abschluss in den Händen, sie bekam zudem eine Auszeichnung des Förderkreises Berufliche Bildung. Dass sie zwei Jahre lang als mit Abstand älteste Schülerin nochmals im Klassenzimmer sitzen musste, hatte ihr nichts ausgemacht, erzählt sie. "Ich habe ja Kinder, ich weiß, wie man mit Jugendlichen umgeht." Zuweilen hat sie ihre Mitschüler schon darauf hinweisen müssen, dass ein besseres Sozialverhalten angebracht wäre. Was diese von ihr aber sogar eher akzeptiert hätten als von den Lehrern, bescheinigt ihr Josef Oßwald, Fachbereichsleiter an der Berufsfachschule. Kein Problem war die Sache übrigens auch für Atas jüngsten Sohn, der ebenfalls an die Neu-Ulmer Berufsschule ging. "Es war ihm nicht peinlich, zusammen mit seiner Mutter in der Brezelschlange zu stehen", erzählt sie.

Jetzt freut sich Ayhan Ata auf ihren neuen Beruf, die Aussichten, eine Arbeit zu bekommen, seien in der Branche sehr gut, sagt Petz. Ayhan Ata hat sich aber vor allem deshalb für ihre Ausbildungsrichtung entschieden, weil sie der Beruf interessiert. "Mich reizt der Umgang mit Menschen", sagt sie. Als Arbeitsplatz wünscht sie sich ein Seniorenheim - vorstellen kann sie sich aber auch, in einem Krankenhaus zu arbeiten oder in einer Einrichtung für Behinderte. Ata aber liegen die Senioren besonders. "Wenn es ihnen gut geht, geht es mir auch gut", sagt sie.

Und was sagt ihre Familie zu ihren Plänen? "Mein Mann hat mich überrascht", berichtet Ata. Er, der sonst sehr zurückhaltend ist (Ata: "Er ist das Gegenteil von mir"), sei sogar mit zur Abschlussfeier gekommen. "Er hat mir immer Mut gemacht und jetzt ist er sehr stolz."

Stolz ist auch Ayhan Ata auf das, was sie erreicht hat. "Es war schon sehr anstrengend", sagt sie im Rückblick. Manchmal, wenn ihr alles zu viel wurde und sie sich nicht gut fühlte, hat sie Zuflucht an ihrem Lieblingsort, dem Roggenburger Weiher gesucht. "Da kann man mich finden, wenn es mir schlecht geht", sagt sie. "Aber ich bin dann nicht ansprechbar."