Ulm Mimt Angeklagter den Kranken?

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Symbolbild © Foto: Wille
Ulm / Christoph Mayer 11.07.2018

Am ersten Verhandlungstag vor knapp zwei Wochen war der wegen Unterschlagung und Strafvereitelung im Amt angeklagte Ulmer Kripo-Beamte noch selbstbewusst vor Gericht aufgetreten. Am zweiten war er noch erschienen, hatte aber über Unwohlsein geklagt. Am Freitag, dem dritten Verhandlungstag, fehlte er. Und das, obwohl ihm ein vom Gericht bestellter forensischer Gutachter wenige Tage zuvor „volle Verhandlungsfähigkeit“ bescheinigt hatte und im Gutachten explizit davon sprach, der 50-Jährige wolle sich schlichtweg „der Verhandlung entziehen“. Ein Simulant also, wie Richter Alexander Spengler argwöhnte? „Ich behalte mir vor, die Vorführung anzuordnen.“

Das wiederum ließ die Verteidiger in die Höhe gehen, sie warfen dem Gericht Unterstellung vor. Ihr Mandant liege „mit starken Schmerzen“ in einer Klinik im südlichen Landkreis Neu-Ulm und bekomme intravenös Schmerzmittel verabreicht. Auch wenn es für die Krankheit womöglich keine organische Ursache gebe, seien die psychischen Belastungen für ihn extrem. So habe sich eines seiner Kinder von Mitschülern sagen lassen müssen: „Dein Papa ist ein Verbrecher.“

Der Richter zeigte sich davon wenig beeindruckt. Selbst die Gerichtshilfe habe dem Angeklagten einen „Hang zur Theatralik“ bescheinigt. Er setzte das Verfahren zwar einstweilen aus (siehe Infokasten). Anfang nächsten Jahres soll es neu aufgerollt werden.

Die Vorwürfe, wegen derer sich der Kommissar vor dem Schöffengericht verantworten muss, wiegen schwer. Er soll in 28 Fällen Strafanzeigen und Ermittlungsakten beseitigt, in sechs weiteren Fällen Geldbeträge aus Sicherheitsleistungen einkassiert haben.  Im Fall einer Verurteilung droht ihm eine Freiheitsstrafe von im Höchstfall bis zu vier Jahren.

Acht Verhandlungstage sind angesetzt, um herauszufinden, ob der Kommissar mit krimineller Energie handelte oder überfordert war. Oder ob im Polizeirevier West von anderer Seite geschlampt wurde, wie er selbst behauptet hat. Am ersten Verhandlungstag hatte sich der Polizist bereits in Widersprüche verwickelt. Zudem kam heraus, dass er zur Tatzeit finanzielle Probleme hatte.

Verhandlung mit oder ohne Angeklagten

Rechtslage Stuft ein Sachverständiger einen Angeklagten als verhandlungsfähig ein, zählt allein das  – selbst wenn der Angeklagte im Krankenhaus liegt. Theoretisch kann das Gericht den Angeklagten vorführen lassen oder ohne ihn weiterverhandeln. Weil sich das Verfahren gegen den Kripobeamten ohnehin stark verzögert hatte, ordnete der Richter eine Neuauflage an.

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