Ulm Migrationsforscher Bade: "Marshallplan" für Flüchtlingskrise?

Ulm / CAROLIN STÜWE 16.11.2015
Prof. Klaus Bade sprach im Donaubüro über Armutswanderung aus Rumänien. Und über die aktuelle Flüchtlingskrise sowie mögliche Lösungen.

Um der drohenden Flüchtlingskrise Herr zu werden, sei ein neuer Anlauf nötig "mit scharfer Zweckbestimmung und EU-Kontrolle". Deutliche Worte sprach der inzwischen emeritierte Migrationsforscher Prof. Klaus Bade aus Berlin im Ulmer Donaubüro am Freitagabend. Der Politikberater schlug vor, dass man mit einer Art Marshallplan das Flüchtlingsproblem angehen müsse. Der Plan wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1947 entwickelt, um unter anderem schnelle Hilfe für die notleidende und teilweise hungernde Bevölkerung Europas leisten zu können.

Die Notwendigkeit strengerer Bestimmungen, wem Asyl gewährt wird, begründete der Historiker mit dem Hinweis, dass es derzeit auf der Welt 40 Bürgerkriegsplätze gibt: "Wenn die Menschen alle kämen. . ."! - "Außerdem müssen wir uns mehr um die Dritte Welt kümmern, sonst kommt sie zu uns."

Jedoch ging es beim 6. Balkan-Salon des Donaubüros thematisch eigentlich nicht um Kriegsflüchtlinge oder Menschen, die vor einer Hungerkatastrophe fliehen, sondern um Armutswanderung am Beispiel der Länder Rumänien und Bulgarien unter dem Titel "Migration hinterlässt Spuren". Da diese Auswanderung schon vor einer Menschengeneration begonnen hat, sind dort inzwischen große Lücken entstanden beispielsweise bei der medizinischen Versorgung.

In rumänischen Kliniken müssen Fachabteilungen geschlossen werden, weil die Ärzte, die für ihre schlecht bezahlte Stelle erst noch zahlen mussten, "vor dem korrupten System geflohen sind", erzählte Bade. 30.000 allein aus Rumänien. Sie arbeiten heute in England, in der Schweiz und in Deutschland - sogar gerne als Landärzte. Einen Teil ihres Verdienstes schicken sie an ihre arme alte Verwandtschaft.

Wer jedoch glaubt, dass Deutschland in die Zange genommen werde, "von unten die Armutswanderung, von außen die Zuwanderung von Muslimen", der liege falsch. Das seien Stammtischparolen, warnte Bade. Dennoch: Die momentane Flüchtlingssituation in Deutschland sei "ein sehr überschaubarer Anfang, was uns an krisen- und klimabedingten Wanderungen noch bevorsteht".

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