Mit einer Jubiläumsfeier zum fast-richtigen Datum hat der Mieterverein Ulm/Neu-Ulm am Montag seinen 100. Geburtstag gefeiert. Dabei war der 9. März 1920 streng genommen nicht der Gründungstag des Vereins, sondern der Zeitpunkt, zu dem die Initiatoren dazu aufgerufen hatten. Die tatsächliche Gründung erfolgte dann einige Wochen später am 13. April. „Aber als uns das aufgefallen ist, hatten wir die Ehrengäste schon für den heutigen Abend eingeladen, das wollten wir dann nicht mehr ändern“, scherzte der Vereinsvorsitzende Martin Rivoir.

Viele Ehrengäste beim Jubiläum des Mietervereins

Zu diesen Ehrengästen gehörten nicht nur der Ulmer Finanzbürgermeister Martin Bendel und dem Vorsitzenden des Landesverband der Mieterbünde Baden-Württemberg Rolf Gaßmann auch der Präsident des Deutschen Mieterbundes, Lukas Siebenkotten.

Gerade Siebenkotten kritisierte in seinem Grußwort die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt scharf: „Die Situation ist wirklich nicht zu ertragen.“ Siebenkotten plädierte in seiner Ansprache für den Bau von mehr Wohnungen, Mietpreisbremsen und dafür, einem Recht auf bezahlbaren Wohnraum Priorität vor Renditen aus Immobilien einzuräumen.

Wohnen in Ulm: Lage angespannt

Die Wohnungsbau- und Bodenvorrats-Politik in Ulm gehe dabei in die richtige Richtung, aber noch nicht weit genug, führte Siebenkotten aus. Als weniger dramatisch als etwa in Freiburg oder Berlin, aber durchaus angespannt schilderte auch Martin Rivoir die Situation in Ulm. Gleichzeitig lobte der Abgeordnete im Baden-Württemberger Landtag (SPD) die Zusammenarbeit mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften und auch der Eigentümer-Vereinigung Haus und Grund. „Hier bemühen sich alle beteiligten, uns so selten wie möglich vor Gericht in der Olgastraße zu sehen“, sagte Rivoir.

Finanzbürgermeister Martin Bendel zeichnete ein eher positives Bild des Wohnungsmarktes in Ulm und Neu-Ulm. „Bei aller Sorge ist der Markt hier grundsätzlich in Ordnung“, befand Bendel.

5800 Haushalte im Mieterverein Ulm/Neu-Ulm

In Ulm und Neu-Ulm sind etwa 5800 Haushalte im Mieterverein organisiert. Bundesweit sind es etwa 1,2 Millionen. Der gemeinsame Mietmarkt von Ulm und Neu-Ulm ist dabei der einzige, in dem ein Mieterverein eine Grenze zwischen zwei Bundesländern überspannt.

Bei dem Empfang stellte der Verein auch eine Chronik seines 100-jährigen Bestehens mit Zeitdokumenten und Presseberichten vor. Stolz zeigte sich der Mieterverein dabei auch darauf, dass in seinen Gremien schon in den Anfangsjahren auch Frauen vertreten waren.

Im Interview mit der SÜDWEST PRESSE hatte der Vorsitzende des Vereins Martin Rivoir darauf hingewiesen, dass der erste Vorsitzende des Mietervereins Ernst Moos war. Der jüdische Anwalt musste den Vorsitz nach der Machtübernahme der Faschisten aufgeben und wurde im KZ Auschwitz ermordet. Der Verein möchte einen Stolperstein stiften, der Moos gewidmet wird.