Ulm/Lehr / Christoph Mayer Entmietung auf brutale Weise: Ein Biberacher Hauseigner geht im Ulmer Norden nach der selben Masche vor wie in Böfingen.

Anderes Haus, gleiche Vorgehensweise. Wie in Böfingen sind auch im Ulmer Stadtteil Lehr Mieter vom aggressiven Rauswurfgebaren eines Hausbesitzers betroffen. Es handelt sich in beiden Fällen um den gleichen, aus dem Raum Biberach stammenden Eigentümer, einen offenbar professionell am Markt agierenden Vermieter. Er hatte, wie berichtet, Ende Oktober ein Mehrfamilienhaus in Böfingen gekauft und wenige Tage später allen Mietparteien, darunter drei Familien mit kleinen Kindern,  gekündigt. Begründung: Er wolle aus den Wohnungen WG-Zimmer machen und diese zu 400 Euro pro Stück vermieten. Auf diese Weise könne er künftig ein Vielfaches an Miete einnehmen.

Ein Vermieter kündigt allen Mietern eines Hauses, weil er mit WG-Zimmern mehr verdienen will. Nun gibt es Protest.

Einziger Unterschied zwischen beiden Fällen: Während die Mieter in der Böfinger Stauffenbergstraße zusammenhalten, die Kündigungen zurückweisen und vom Mieterverein juristische Rückendeckung bekommen, haben die Bewohner des viergeschossigen Hauses in der Lehrer Liebigstraße größtenteils die Waffen gestreckt und sind ausgezogen. Bei ihnen hatte alles schon im Mai dieses Jahres seinen Anfang genommen. Nur zwei von sieben Parteien harren dort noch aus.

Einer der standhaften Mieter ist Sebastian Kurz. Der Vater zweier Kinder, das jüngste ist erst wenige Monate alt, sagt: „Es wurde sehr schnell sehr unangenehm“. Auch in dem bis Sommer von 18 Personen bewohnten Haus in der Liebigstraße hatten alle Mieter unmittelbar nach dem Hausbesitzerwechsel – die Vorbesitzer hatten die Immobilie altershalber verkauft  – gleichlautende Kündigungsschreiben einer Biberacher Anwaltskanzlei bekommen: Man wolle das Haus durch einen Umbau und Ausweisung von WG-Zimmern einer  „besseren wirtschaftlichen Verwertung zuführen“ und beende  das Mietverhältnis deshalb zum nächstmöglichen Termin. Die Kündigungsfristen variierten von wenigen Monaten bis zu einem Jahr, je nachdem wie lange die Mieter dort schon wohnten.

Mieter Schikanen ausgesetzt

Wie in Böfingen wurden auch den Lehrer Mietern im Falle einer freiwilligen Aufhebung des Mietvertrags  Zahlungen zwischen 1000 und 3000 Euro angeboten. Kurz hat nicht angenommen. „Lachhaft. In  unserer familiären Situation ist es schwer, eine bezahlbare Vier-Zimmer-Wohnung zu finden“, sagt der Pflegedienstleiter. Auf Anraten seines Anwalts wies er die Kündigung zurück. Und sieht sich seither permanenter Schikane ausgesetzt, wie er sagt.

Wenige Tage nach der Geburt seines Sohnes im August hätten mehrwöchige Umbauarbeiten begonnen. „Von morgens bis abends wurden Wände herausgebrochen, es war tierisch laut.“ Dabei sei, angeblich versehentlich, das TV-Kabel gekappt worden. Über Wochen hatte die Familie keinen Fernsehempfang mehr. Auch die zentrale Heizungsanlage sei im Zuge der Bauarbeiten heruntergedreht worden. „Heiß duschen war nicht mehr drin.“ In regelmäßigen Abständen stehe ein Verwalter des neuen Hausbesitzers vor der Tür und Frage unverblümt, wann man denn  auszuziehen gedenke.

Die im Souterrain ausharrende zweite verbliebene Mieterin Elisabeth Werner berichtet Ähnliches. Mehrfach habe der Verwalter mit einem Aufhebungsvertrag in der Hand vor der Tür gestanden und in ruppigem Ton gesagt: „Sie sind die einzige, die noch nicht unterschrieben hat.“  In der Waschküche des Hauses stehe ihre eigene Waschmaschine, die mittlerweile aber schon von zwei zwischenzeitlich eingezogenen Studenten genutzt worden sei. Als sie diese gefragt habe, wer ihnen die Erlaubnis dazu gegeben habe, hätten die sich auf den Vermieter berufen.

Kurz erzählt, dass seine Frau mittlerweile ein unangenehmes Gefühl habe, wenn sie sich nur mit ihren Kindern daheim aufhalte.  Auch Elisabeth Werner sagt: „Seit Monaten fühle ich mich beobachtet – und irgendwie verkauft. Lange halte ich das nicht mehr aus.“

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Internet-Seite abgeschaltet

Adresse Unter der Internet-Adresse www.vermietung-rettich.eu bot der Vermieter bis zum Beginn dieser Woche zahlreiche WG-Zimmer und Apartments in Ulm, Neu-Ulm, Biberach, Heidenheim, Ehingen, Konstanz-Reichenau, Weingarten und Warthausen an. Wohl infolge des negativen Medienechos der vergangenen Tage sowie insbesondere nach der Ankündigung der SÜDWEST PRESSE gegenüber dem Anwalt des Vermieters, diese Adresse publik zu machen, wurde die Internet-Adresse am Dienstagabend abgeschaltet. Es ist zu erwarten, dass der Vermieter die Wohnungen künftig auf einer neuen Internetseite und unter anderem Namen vermarkten wird.