Ulm Metall: Ein Prozent mehr Jobs für Flüchtlinge

Jan Stefan Roell: Metall braucht flexible Tarifinstrumente wie Zeitarbeit.
Jan Stefan Roell: Metall braucht flexible Tarifinstrumente wie Zeitarbeit. © Foto: dpa
Ulm / FRANK KÖNIG 30.09.2015
Die regionale Metallindustrie schlägt ein "Bündnis für Integration in Arbeit" vor, das Jobs für Flüchtlinge schafft. Die bedeutende Branche warnt vor einer Überforderung durch zu viele Auflagen, auch bei Zeitarbeit. Mit einem Kommentar von Frank König: Produktion als Wohlstandsfaktor.

Der Ulmer Unternehmer und frühere Vorsitzende des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, Jan Stefan Roell, fordert mit Blick auf die Flüchtlingskrise "ein Bündnis für Integration in Arbeit." Der Inhaber des Herstellers von Prüfmaschinen Zwick in Einsingen hält es für möglich, dass die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland im Zuge eines solchen Bündnisses um 1 Prozent ausgeweitet wird, um etwa 400.000. Somit könnte man Jobs für die Hälfte der erwarteten Flüchtlinge schaffen, was vermutlich für alle Erwachsenen ausreichen würde. Er machte diesen Vorschlag bei der Herbstversammlung der Südwestmetall-Bezirksgruppe Ulm am Montagabend im Kundenzentrum von Magirus.

Die Roell-Firmengruppe verwirklicht das Bündnis vorab selbst und stellt eine entsprechende Zahl von Jobs bereit. Roell, der schon in Singapur gelebt hat, hält Sprachbarrieren für überwindbar - beispielsweise mit Hilfe internet-gestützter Übersetzungsprogramme wie Google Translator und Sprachausgabe. Es sei allerdings klar, dass Flüchtlinge im Betrieb einen Paten zur Seite gestellt bekommen müssen.

Roell, der weiter im Vorstand von Südwestmetall sitzt, warnte gleichzeitig davor, die regional bedeutende Branche mit fast 50.000 Arbeitsplätzen zu überfordern. Angesichts zuletzt hoher Tarifabschlüsse hätten sogar kleinere Firmen mit Produktionsverlagerungen ins Ausland begonnen, das habe er noch selber nachrecherchiert: "Ich hätte das nicht geglaubt." Es brauche weiter flexible Tarifelemente, die den Betrieben Luft zum Atmen geben, wie: Zeitarbeit als eine der "ganz wenigen funktionierenden Brücken in gute Arbeit", Werkverträge sowie die Auslagerung von Dienstleistungen wie Küche und Reinigung.

Nur so könne die Metallindustrie Einstiegslöhne von 33.000 Euro jährlich bei einer 35-Stunden-Woche bezahlen. In der höchsten Entgeltstufe für Spezialisten seien es bei 40 Stunden 96.000 Euro. Hier schlügen hohe Tarifabschlüsse besonders zu Buche: "Da ist fünf bis sechs Prozent ein Wort." Roell plädierte - vor allem mit Blick auf Wettbewerber China - weiter für eine starke Produktion in Deutschland.

Metall-Unternehmer Stefan Halder als stellvertretender Vorsitzender der Ulmer Bezirksgruppe befürchtet ebenfalls Fertigungsverlagerungen ins Ausland, wenn auch schleichend. Dennoch: "Die Arbeitsplätze gehen verloren." Aus seiner Sicht waren die Lohnerhöhungen seit 2012 mit insgesamt 14 Prozent grenzwertig, vor allem mit der letzten Stufe von 3,4 Prozent Anfang des Jahres. Man habe nun früh vor der nächsten Lohnrunde den Kontakt zur IG Metall gesucht, um Verständnis für die Anliegen der Betriebe zu wecken. Zu den Belastungen zählten auch die Rente mit 63 und bürokratische Vorschriften beim Mindestlohn. Mit Blick auf den rasch zunehmenden Fachkräftemangel sagte Halder: "Wir brauchen die klügsten Köpfe mit den geschicktesten Händen."

Südwestmetall-Geschäftsführer Götz Maier hatte noch während der Versammlung ein konjunkturelles Stimmungsbild erhoben und eher Erfreuliches gehört: 40 Prozent der regionalen Betriebe haben 2015 erneut Personal aufgebaut und insgesamt 210 Arbeitsplätze geschaffen. Ein Viertel kann sich nächstes Jahr einen weiteren Aufbau vorstellen, ein Drittel aber auch einen Abbau.

Viele Firmen sind demnach vorsichtig, weil das laufende Jahr stark von Sondereffekten wie Ölpreisverfall und niedriger Euro geprägt war.

Daten und Fakten zu Südwestmetall Ulm

Bezirksgruppe Zur Bezirksgruppe Ulm des Arbeitgeberverbands Südwestmetall gehören 125 Firmen, die 49.900 Arbeitsplätze bereitstellen - in Ulm, Alb-Donau, Biberach, teils Kreis Sigmaringen. 2014 hat die Branche regional 500 Arbeitsplätze geschaffen.

Beschäftigung Für das laufende Jahr rechnet Metall mit einem weiteren Aufbau der Beschäftigung um 360 Arbeitsplätze. Zeitarbeit diene oft als Brücke in einen festen Arbeitsplatz. 2014 wurden von 1868 Zeitarbeitern 602 in die Stammbelegschaft übernommen.

Umsatz Der regionale Umsatz der Metall- und Elektroindustrie nahm vergangenes Jahr um fast drei Prozent auf 11,2 Milliarden Euro zu. Der Exportanteil beträgt 53 Prozent. Allerdings verzeichneten 2014 immerhin 37 Prozent der Betriebe Umsatzeinbußen.

Kommentar von Frank König: Produktion als Wohlstandsfaktor

Industrielle Produktion ist einer der wesentlichen Faktoren für den Wohlstand in der Region. Nicht zuletzt die Arbeitsplätze in der bedeutenden Metall- und Elektroindustrie sorgen dafür, dass viele Menschen eine auskömmliche Beschäftigung haben und für sich und ihre Familien eine Existenz aufbauen können.

Dafür ist es notwendig, dass sich die vielfach familiengeführten Firmen im internationalen Wettbewerb - nicht zuletzt gegenüber China - behaupten und auch an ihren heimischen Standorten mit den zuletzt stark gestiegenen Tariflöhnen und bürokratischen Auflagen klarkommen. Vor diesem Hintergrund nötigt es Respekt ab, wenn Unternehmer zusätzliche Beschäftigung und Integration für Flüchtlinge schaffen.

Natürlich geschieht dies wegen des Fachkräftemangels auch im Eigeninteresse: um angesichts des demographischen Wandels mehr Arbeitskräfte für die Zukunft zu gewinnen. Nachdem der Staat mit hohen Ausgaben im Zuge der Flüchtlingskrise zu kämpfen hat, scheint es nur fair, wenn auch die Wirtschaft ihren Teil beiträgt.

Mit der von Südwestmetall-Repräsentant Jan Stefan Roell vorgetragenen Initiative soll also auch vermieden werden, dass Metall- und Elektrounternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern müssen, weil ihnen die Mitarbeiter ausgehen. Der anglo-amerikanische Raum versucht händeringend, Produktion zurückzuholen. Soweit soll es in Ulm als einer der Spitzen-Regionen in Europa gar nicht kommen.

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