Türkei Mesale Tolu am Sonntag zurück in Ulm

Die deutsche Journalistin Mesale Tolu darf zurück in die Heimat.
Die deutsche Journalistin Mesale Tolu darf zurück in die Heimat. © Foto: dpa
Ulm/Neu-Ulm / Christoph Mayer 20.08.2018
Große Freude über die Rückkehr der wegen „Terrorunterstützung“ angeklagten Journalistin. OB Czisch lädt Familie ins Rathaus ein.

Die Meldungen über die Aufhebung meiner Ausreisesperre sind richtig. Ich bedanke mich bei meinem Unterstützerkreis und bei allen, die mit mir mitgefühlt und sich für meine Freiheit eingesetzt haben.“

Dieser Tweet war am Montag das einzige Statement, das von Mesale Tolu zu bekommen war. Noch am Wochenende hatte die 34-jährige Journalistin aus Ulm ihre Wohnung in Istanbul verlassen, um an einem anderen Ort in der Türkei auszuschnaufen, wie Baki Selcuk, Sprecher des Solidaritätskreises mitteilte.

„Auch für Mesale kam die Entwicklung überraschend. Sie möchte sich in Ruhe auf ihre Rückkehr nach Deutschland vorbereiten und bittet um Verständnis, bis dahin keine Interviews zu geben“, sagte Selcuk der SÜDWEST PRESSE. Zwar hätten Tolus Anwälte zuletzt immer wieder Anträge auf Aufhebung der Ausreisesperre gestellt. Warum der positive Bescheid jetzt ergangen sei, „dafür gibt es juristisch keine Erklärung“.

Ehemann darf das Land nicht verlassen

Klar ist, dass Tolu am nächsten Sonntag gemeinsam mit ihrem dreijährigen Sohn Serkan in einer Linienmaschine den Rückflug antritt. Selcuk zufolge wird sie am frühen Nachmittag auf dem Stuttgarter Flughafen landen und dort von ihrer in Neu-Ulm lebenden Familie in Empfang genommen. Ihr in der Türkei ebenfalls wegen „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“ angeklagter Ehemann Suat Corlu wird nicht dabei sein. Er darf das Land zumindest bis zu seinem Prozess am 16. Oktober nicht verlassen.

An diesem Tag muss sich auch Mesale Tolu mit rund 20 weiteren Angeklagten vor Gericht verantworten. Ob sie dazu freiwillig nach Istanbul zurückreist, ist offen. Im Interview mit dieser Zeitung hatte sie dies vor einigen Monaten nicht ausgeschlossen: Sie erwarte einen Freispruch und werde sich deshalb in jedem Fall der türkischen Justiz stellen.

In Ulm und Neu-Ulm ist die Freude über die Rückkehr Tolus groß. „Wir hoffen, dass ihr Mann ihr bald folgt und die Familie wieder vereint ist“, sagte der Ulmer OB Gunter Czisch. Er dankte allen Bürgern, die sich in den vergangenen 16 Monaten für Tolu engagiert haben.

„Politisches Faustpfand“

„Das wichtigste Ziel aber bleibt ein Freispruch“, so der OB weiter.  Es sei unstrittig, dass Tolu ebenso wie andere in der Türkei inhaftierte Deutsche „als politisches Faustpfand genommen wurde“. Offenbar suche die Türkei nun wieder die Annäherung an Europa – nicht zuletzt wegen des Zerwürfnisses mit den USA.

Czisch kündigte an, Kontakt mit Tolus Familie aufzunehmen. Ob es einen offiziellen Empfang geben werde, ließ er offen, „Ich möchte sie und ihre Familie aber auf jeden Fall ins Rathaus einladen.“ Allerdings, so der OB, habe die junge Frau erst einmal jedes Recht der Welt auf den Schutz ihrer Privatsphäre. „Die Familie geht vor, sie soll zunächst mal richtig runterkommen.“

112.000 Unterschriften

Angelika Lanninger vom Ulmer  Solidaritätskomitee sagte, Tolus Rückkehr werde „gebührend gefeiert. Wir hatten ja versprochen, das nächste Fest mit ihr zu machen, darauf freuen wir uns“.

Die ehemalige Lehrerin Tolus hatte Ende 2017 eine Online-Petition für Tolu gestartet und einen Brief an den damaligen Bundesaußenminister Sigmar Gabriel geschrieben. Die Petition haben mittlerweile mehr als 112.000 Menschen unterschrieben. „Sie läuft so lange weiter, bis Mesale freigesprochen ist“, sagte Lanninger.

Tolu war Ende April 2017 in ihrer Istanbuler Wohnung unter dem Verdacht festgenommen worden, zur verbotenen Partei MLKP zu gehören. Sie hatte in Istanbul für die regimekritische Nachrichtenagentur ETHA als Übersetzerin gearbeitet. Mit ihrem Sohn saß sie mehrere Monate im Istanbuler Frauengefängnis. Kurz vor Weihnachten hatte ein Gericht die Entlassung aus der U-Haft verkündet, jedoch  ein Ausreiseverbot verhängt.

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OB Noerenberg fordert faires Verfahren

Erklärung In einem Statement des Neu-Ulmer Oberbürgermeisters Gerold Noerenberg heißt es: „Ich hoffe, dass Frau Tolu bald wohlbehalten in unsere Doppelstadt zurückkehren kann. Es ist sicherlich nicht einfach, das Erlebte zu verarbeiten, aber ich wünsche ihr, dass die Rückkehr in ihre Heimatstadt ihr hierbei eine wertvolle Stütze sein kann. Allerdings ist der Prozess noch nicht abgeschlossen ...

Er muss nach rechtsstaatlichen Prinzipien erfolgen. Der Fall Tolu geht uns besonders nahe, da sie Bürgerin unserer Stadt ist. Es sind in der Türkei jedoch weiter Journalisten inhaftiert. Auch für sie muss ein demokratisches Verfahren sichergestellt werden.“

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