Ein Stehtischchen, ein Weißbier, eine Kladde mit Notizen – mehr braucht Urban Priol nicht auf der großen Bühne. Es ist ja auch keine Comedy-Show, der Kabarettist hält vielmehr eine dreistündige Rede: seinen Jahresrückblick 2018. Es ist kein Rollenspiel, sondern die böse pointierte Abrechnung eines Mannes, bei dem selbst die Haare in Rage sind. Es ist ein bisschen so wie auf einem Parteitag der Linken, nur lustig: Priol legt die Finger in die Wunden der kapitalistischen Gesellschaft, ätzt über die Regierungsparteien, zitiert Marx und erhält von den in ihren Gefühlen und Ansichten bestätigten Zuhörern großen Applaus. Okay, ein blöder Vergleich, denn die Linken sind zerstritten, Priol aber war im ziemlich voll besetzten Congress Centrum die einhellig umjubelt räsonierende Stimme des Volkes aus dem untersten Mainfranken.

Das bekannte Angela-Bashing

„Priol tritt auf, Merkel tritt ab – davon hast Du schon lange geträumt“, habe ein Freund ihm gratuliert. Naja, es wird eher ein schwerer Schlag für Priol sein, wenn seine „Kaltmamsell des Großkapitals“ nach dem Vorsitz der CDU („Letztwählers Liebling“) auch die Kanzlerinnenschaft abgeben sollte. An ihr arbeitet sich Priol unermüdlich ab: Angela-Bashing – sie ist das Feindbild, gegenüber dem auch Seehofer und Söder verblassen. Dass Priol dabei trefflich imitieren kann, erhöht den Unterhaltungswert. Schade, dass Kretschmann mit Kässpätzle-Schwäbisch nur kurz auftauchte.

Was hat das Jahr gebracht? Proteste im Hambacher Forst („Wackersdorf reloaded“, ein Lob an die Jugend von heute), Kreuze in bayerischen Amtsstuben (die freilich nicht gegen die Vampire im Finanzamt helfen), Deutschland im digitalen Abseits, Feinstaub, Diesel-Skandal, ewige Flughafen-Baustelle . . . „Groß können wir gar nichts mehr“, lautet Priols Fazit: auch nicht mehr Fußball. Er schimpft, poltert. Natürlich auch über die Pressekonferenz von „Rolex-Kalle“ und „Steuerhinterziehungs-Uli“, als die Bayern-Bosse die Menschenwürde ausgerechnet vor dem Werbe-Logo ihres Sponsors Qatar Airways reklamierten. Treffer.

Er schießt sonst eher grob, ist oft auch ironiefrei ein wütender politischer Ankläger: 300 gefährdete Arbeitsplätze, wenn in Wolgast keine Küstenschutzboote mehr an Saudi-Arabien ausgeliefert werden? 300 Menschen würden täglich im Krieg in Jemen verhungern ob der Seeblockade.

Priol, der potenzielle Gelbwesten-Träger unter den Kabarettisten, lästerte dann auch noch, wenig überraschend, über das alkoholfreie, abgestandene, warme Weißbier auf dem Tischchen und machte sich keine Illusionen, dass 2019 „genauso bescheuert“ werde wie 2018; aber: „Machen wir das Beste draus!“ Prost!

Auch 2019 kommt Priol zur Abrechnung ins CCU


Termin Egal, was im nächsten Jahr so alles passiert, ob Angela Merkel auch noch als Kanzlerin vorzeitig abtreten oder Horst Seehofer als Innenminister abdanken wird – fest steht schon jetzt der Termin für Urban Priols satirischen Jahresrückblick: Er kommt am 6. Dezember 2019, 20 Uhr, wieder ins Congress Centrum Ulm. Der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.