Ulm / Von Sonja Fiedler  Uhr

Ein Kind versteckt sich im Unterricht regelmäßig unter dem Tisch, kann die Lehrerin nicht angucken, findet kaum Kontakt zu Mitschülern – ein auffälliges Verhalten, das Lehrer und Eltern vor große Herausforderungen stellt. Ein möglicher Grund kann Autismus sein, ein Persönlichkeitsmerkmal, dessen Folge meist eine Wahrnehmungsstörung im sozialen Bereich ist.

„Die Menschen können oft Mimik und Gestik nicht lesen und die Empfindungen anderer nicht einschätzen“, sagt Guido Bartel, zuständig für den Fachbereich Autismus bei der Jugendhilfe des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) am Kuhberg. Aber: „Merkmale, die auf alle zutreffen, gibt es nicht“, sagt Jochen Heilemann, Leiter der Jugendhilfe. Autismus habe viele individuelle Ausprägungen. „Kennt man einen Autisten, kennt man genau einen.“

Vor 2010 kaum Hilfen

Seit neun Jahren bietet der Ulmer ASB Beratung und Unterstützung für Betroffene und Angehörige von Menschen mit Autismus-Störungen an. „Damals gab es in der Region kaum Hilfen in diesem Bereich“, sagt Heilemann. Mittlerweile habe sich die Einrichtung etabliert. 30 Kinder, Jugendliche und Erwachsene vom Alb-Donau-Kreis bis zum Landkreis Neu-Ulm würden aktuell von der ASB-Beratung betreut. „Darunter sind etliche Schulbegleitungen.“ Auch familienentlastende Dienste können über die Stelle vermittelt werden. „Die Eltern brauchen Auszeiten, da die Kinder häufig eine dauerhafte Beobachtung benötigen“, sagt Heilemann.

Der Verdacht, dass ein Kind oder Jugendlicher eine Autismus-Störung hat, tauche oft erst in der Schule, nicht selten in höheren Klassenstufen auf. „Vielen Kindern fällt es schwer, wichtige Infos von unwichtigen zu unterscheiden: Alles scheint gleich wichtig, und das überfordert sie“, sagt Bartel. Dies erschwere etwa die Bearbeitung von Klassenarbeiten. Einfache Tricks wie Trennwände oder Gehörschutz würden manchmal schon weiterhelfen. Während gewöhnliche Matheaufgaben und Grammatikübungen seltener Schwierigkeiten bereiten, stelle eine Interpretation, ein freier Aufsatz oder eine Sachaufgabe für Schüler mit Autismus-Störung eine große Herausforderung dar. Hinzu kommen soziale Probleme: „Viele Kinder verstehen die Regeln nicht, nach denen das Zusammenleben funktioniert.“ Aggressives Verhalten oder Rückzug können die Folge sein.

Ist die Diagnose gestellt, kann eine Schulbegleitung beantragt werden. Die Schulbegleiter, die vom ASB gecoacht und betreut werden, unterstützen das Kind dabei, dass es sozial mitkommt. „Für viele ist es eine gute Maßnahme im tumultartigen Schulalltag.“, Menschen im Autismus-Spektrum können eine geistige Beeinträchtigung haben, aber auch mittlere bis hohe Intelligenz zeigen. „Inselbegabungen“ wie bei Raymond in dem berühmten Film „Rain Man“ seien selten, kämen jedoch vor, sagt Heilemann. „Wir haben hier einen Mann, der seine DVD nach Namen des Kameramanns sortiert.“

Gut im Fehler finden

Große IT-Firmen würden sich mathematisch-logische Fähigkeiten einzelner Autisten zu Nutze machen. „Sie finden Fehler in Codes sehr schnell, da eine Logik unterbrochen wird. In dem System fühlen sie sich wohl.“

Während viele Betroffene mit leichter Autismus-Ausprägung gut durchs Leben kommen, sei es für andere schwierig, eine Arbeit zu finden. Viele seien dauerhaft auf Unterstützung angewiesen, auch am Arbeitsplatz. Individuelle Lösungen seien hier vonnöten: Wie bei dem jungen Mann aus dem Alb-Donau-Kreis, der sich im Seniorenheim des ASB um die Wäsche kümmert. „Das ist eine Win-Win Situation für alle: Er hat eine Aufgabe, die er bewältigen kann und die ihm Spaß macht, und die anderen Mitarbeiter müssen es nicht mehr miterledigen.“

Information und Gesprächsangebote

Kontakt Die Fachstelle Autismus des ASB betreut Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Autismus-Spektrum-Störung in der gesamten Region. Neben Schulbegleitungen vermittelt sie Schulungen, Gesprächskreise und Infoveranstaltungen zum Thema Autismus. Weitere Infos gibt es unter Tel.: 0731/93 77 11 64.