Gewalt 19-jährige Jesidin Lamija Baschar: Meine Waffe ist das Wort

Die 19-jährige Lamija Baschar ist gezeichnet: Nicht nur von der Landmine, die ihr das Augenlicht nahm, sondern von fast zwei Jahren Folter und Gewalt. 
Die 19-jährige Lamija Baschar ist gezeichnet: Nicht nur von der Landmine, die ihr das Augenlicht nahm, sondern von fast zwei Jahren Folter und Gewalt.  © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Ulrike Schleicher 21.02.2017

Am Horizont lag die Stadt Kirkuk im morgendlichen Dunst. Dort standen kurdische Truppen, die Peschmerga, und kämpften gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die beiden Frauen schauten sich an. Das Ende ihres fast zwei Jahre andauernden Alptraums war in Sicht.  Lamija nahm die Hand ihrer Freundin Katrina: „Komm“, sagte sie, und sie machten einen Schritt nach vorn. Dann explodierte die Landmine.

Die schmächtige Jesidin Lamija Adschi Baschar sitzt am Tisch, den Blick auf ihre Hände gerichtet, die sie fast unentwegt knetet. Die rechte Hälfte ihres Gesichtes ist voller Narben, das rechte Auge ist blind, auf dem linken kann sie inzwischen wieder ganz gut sehen. Unsichtbar sind andere Narben: Hinter der 19-Jährigen liegt ein 20 Monate andauerndes Martyrium in der Gefangenschaft des IS in ihrem Heimatland Irak.

Das Leben in ihrem Heimatdorf Kocho im Norden des Landes scheint Lamija Lichtjahre entfernt. Dabei ist es nicht einmal drei Jahre her, dass sie zusammen mit ihren Eltern, drei Brüdern und zehn Schwestern den Alltag einer Bauernfamilie teilte. „Morgens bin ich in die Schule, danach habe ich geholfen die Schafe und Kühe meines Vaters zu hüten”, erzählt sie. Milch und Käse wurden auf dem Markt verkauft

Sie habe davon geträumt, Lehrerin zu werden. Aber was ein Einzelner will, zählt nicht in der jesidischen Gesellschaft. Schon gar nicht bei Frauen. Ihr Schicksal ist vorher bestimmt: Viele werden bereits im Alter von 14 verheiratet. „Nur manchmal, wenn zwei sich wirklich weigern, wird nach einer anderen Lösung gesucht”, erklärt sie.  Das Leben war hart, trotzdem war sie zufrieden.

Der Alptraum kam nicht von einer Nacht auf die andere in ihr Dorf. „Die Männer vom IS waren schon da, aber anfangs sagten sie: Wir tun euch nichts.“ Bis zum 15. August. An diesem Tag trieben sie Frauen, Kinder und Männer des Dorfes zusammen, sperrten sie getrennt in das große Schulgebäude und sagten ihnen, sie sollten zum Islam konvertieren. „Undenkbar“, sagt sie.

Das Morden begann. Die Nachbarn, der Lehrer, der Händler um die Ecke, der Vater, die Brüder, die Onkel starben vor ihren Augen. Auch ältere Frauen, darunter ihre Mutter. Die Bilder haben sich in Lamijas Gedächtnis gefräst: „Niemals werde ich das vergessen.“

In den darauffolgenden Monaten habe sie selbst den Tod herbei gesehnt, sagt die 19-Jährige, die insgesamt fünfmal unter den Männern des IS verkauft wurde. Sie verbrachte Tage in der irakischen Hauptstadt Mossul, Wochen in der Stadt Sindschar, Monate in der siebtgrößten Stadt Syriens, in Deir ez Zur und kam schließlich wieder zurück in den Irak. Anfangs zahlten die Männer zwischen 75 und 120 Euro für sie. Mit der Zeit ließ der Preis nach: Sie war keine Jungfrau mehr und voller Wunden.

Manchmal schreit Lamija die Worte regelrecht hinaus, wenn sie erzählt. So als suche sich der Schmerz ein Ventil. Sie sei geschlagen und vergewaltigt worden. „Dann habe ich mir die Pulsadern aufgeschnitten“, sagt sie. Und wurde von ihren Peinigern ins Krankenhaus gebracht. Es war der erste Fluchtversuch, der ihr misslang.

Fünf weitere sollten folgen: Ein Sprung aus dem Fenster im ersten Stock, einer während einer Autofahrt, als sie ihrem Peiniger eine Colaflasche aus Glas auf den Kopf schlug und – als der Mann benommen das Auto zum Stehen brachte – wegrannte und bei einer Familie klingelte, die sie abwies, „weil ich nicht verschleiert war“. Dann nochmal, als sie nach zwei Monaten als Haussklavin einer Irakerin – „sie behandelte mich wie einen Hund“ – auf die Straße rannte und in der nächsten Minute von Kämpfern des IS aufgegriffen wurde. Wieder, nachdem sie monatelang Bomben und Munition herstellen musste, mit Hilfe eines Nachbarn entkam und erneut in die Hände ihrer Peiniger geriet.

Jedes Mal folgten noch grausamere Konsequenzen. Die Männer hängten sie an den Füßen auf, sie schlugen sie halbtot mit Kabelschnüren, sie zeigten ihr ein Massengrab – „wenn du noch einmal fliehst, schneide ich dir ein Bein ab“, habe einer gesagt. „Aber das alles hat mir keine Angst mehr gemacht“, sagt sie. Von einem bestimmten Punkt an sei Angst überhaupt kein Thema mehr gewesen. „Entweder ich sterbe“ dachte sie. Oder ich überlebe, um der Welt zu sagen, was hier geschieht.“

Halbtot wie sie war, kaufte sie ein ägyptischer Doktor, ebenfalls Mitglied des IS. „Auch eine Neunjährige und immer wieder andere Frauen und Mädchen hat der Mann gekauft“, sagt Lamija. Ihr Alltag bestand aus dem Lernen von Koranversen und Vergewaltigungen. „Warum bist du so“, habe sie ihn einmal gefragt. „Muss man als Arzt nicht ein besserer Mensch sein?“ Es sei so im Koran geschrieben, habe er gesagt.

Ihre Chance kam, als der Mann an die Front gerufen wurde, wegen vieler Verletzter. „Er sagte, er werde einen Monat lang weg sein.“ Mit dem Mobiltelefon nahm sie Kontakt zu einem Onkel auf. Sie sollten nach Kirkuk laufen, habe er gesagt. Mit Nachbarn und Katrina, ihrer Freundin aus Kindertagen, machten sie sich nachts auf den Weg und erreichten die Stadt um 4 Uhr morgens.

Katrina kam bei der Explosion der Mine ums Leben. Sie selbst lief blind und mit verbranntem Gesicht an der Hand des Nachbarn weiter. Am 11. Mai 2016 brachte sie eine Maschine nach Deutschland.

Lamija knetet ihre Finger. Wie es ihr inzwischen geht? „Ich habe immer noch Angst.“ Sie könne nicht ruhig leben, bis die Terrormiliz verschwunden sei. Deshalb erzähle sie immer wieder, was ihr widerfahren sei. „Auch wenn mir das schwer fällt.“ Nie wieder wolle sie Opfer sein, sagte sie und vergleicht es mit den jesidischen Frauen, die mit der Peschmerga gegen den IS kämpfen: „Sie haben Gewehre. Meine Waffe ist das Wort.“

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Minderheit

Das Jesidentum ist eine monotheistische, nicht auf einer heiligen Schrift beruhende Religion. Die Mitgliedschaft ergibt sich ausschließlich durch Geburt, wenn beide Elternteile jesidischer Abstammung sind. Seit Jahrhunderten wehren sich die Jesiden gegen eine Islamisierung und haben mehrere Genozide erlitten.

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