Münster Neues Fenster: Mehr Licht im Münster

Wird an Pfingsten offiziell enthüllt: Thomas Kuzios „Friedensfenster“ im Südschiff des Münsters.
Wird an Pfingsten offiziell enthüllt: Thomas Kuzios „Friedensfenster“ im Südschiff des Münsters. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Helmut Pusch 05.05.2018
Thomas Kuzio hat das neue Fenster im südlichen Seitenschiff gestaltet. Es ist jetzt eingebaut. Enthüllt wird es aber erst am Pfingstsonntag.

Offiziell wird es erst an Pfingsten enthüllt, das Friedensfenster Thomas Kuzios im südlichen Seitenschiff des Ulmer Münsters. Doch wer in den vergangenen Tagen im Münster war, konnte schon mal einen Blick darauf erhaschen.

Die Enthüllung eines Münsterfensters ist immer ein großer Moment. Diesmal umso mehr, weil mit der Arbeit des Sommersdorfer Glaskünstlers das Ensemble der Künstlerfenster im südlichen und damit besonders sonnigen Seitenschiff komplett ist – erstmals seit den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs. Damals waren die Fenster aus dem 19. Jahrhundert zerstört worden, weil sie nicht wie die noch aus dem Mittelalter stammenden Verglasungen vorsorglich ausgebaut worden waren.

Jetzt ist das Ensemble also wieder komplett. Dass sich das letzte Fenster in dieses Ensemble einfügt, war auch eine der Vorgaben für die Künstler, die die Münstergemeinde im vergangenen Jahr zum Wettbewerb eingeladen hatte. Keine leichte Aufgabe, stammen doch die direkten Nachbarn des Kuzio-Fensters aus gänzlich verschiedenen Kunstwelten: rechts das in Rottönen gehaltene gegenständliche Fenster Hans Gottfried von Stockhausens, links die abstrakt in kühlen Blau- und Grautönen gehaltenen beiden Fenster Johannes Schreiters, die 2001 bei ihrer Enthüllung für einige Diskussionen gesorgt hatten. Diese beiden stilistischen Pole sollte das neue Fenster zusammenbringen und zudem noch das Thema Frieden interpretieren  – „allerdings nicht so plakativ“, sagt Dekan Ernst-Wilhelm Gohl.

Jede Menge Vorgaben

Das war also ein ganzer Rucksack an Vorgaben, die die Teilnehmer des Wettbewerbs zu beachten hatten. Und es ist erstaunlich, dass Kuzios Fenster davon nichts spüren lässt, gleichwohl aber die Vorgaben erfüllt. Mit seiner lichten Gestaltung lässt es wohltuend viel Helligkeit in den östlichen Winkel des Seitenschiffs. Eine Aufgabe, die eigentlich Anfang der 2000er Jahre den beiden Fenstern Johannes Schreiters zugedacht war, was diese aber nicht so gut wie erhofft erfüllen. Und mit seiner Farbigkeit, die von Blautönen über Rot bis Gelb reicht, schlägt es eine farbliche Brücke zu seinen Nachbarn.

Das Thema Frieden verhandelt es auch – allerdings eher auf der Meta-Ebene, ganz im Sinne der Ausschreibung, die sich kein figürliches ikonografisches Programm gewünscht hatte, sondern vielmehr einen Assoziationsrahmen vorgab, der ganz unterschiedlich gefüllt werden kann. Thomas Kuzio orientiert sich mit seiner überbordenden Farbvielfalt und seinen Formen an historischen Vorbildern, ohne sie zu kopieren, nimmt scheinbar die Ikonografie der älteren Fenster auf, ohne figürlich zu werden. Er schlägt so die Brücke zu den abstrakten Arbeiten Schreiters und zitiert dabei die Tradition gotischer Glaskunst, spielt mit Binnenflächen in den farbigen Großformen, zelebriert geradezu die Handwerkskunst des Mittelalters.

Und das alles mit abstrakten Formen. Lediglich im lichten Zentrum des Fensters lässt sich in einem weißgelben Keil eine Friedenstaube vermuten, undeutlich wie in einem völlig überbelichteten Foto. Die eindeutige Friedensbotschaft muss man suchen, kann sie aber erahnen, wenn man das dunklere Chaos am unteren Fensterrand als Krieg interpretiert, das durch eine helle Zäsur abgetrennt wird und von der aus sich die lichte Hoffnung erhebt.

Alte Techniken

Überhaupt das Licht. Das hat etwas Mystisches, was der 59-jährige Glaskünstler auch dem Produktionsprozess zuschreibt. Die farbigen Gläser hat Kuzio in Waldsassen in der Oberpfalz herstellen lassen. Dort ist die einzige Glashütte Europas, die noch die alten Techniken beherrscht. Dort wird das farbige Glas von Mund zu Zylindern geblasen, die dann aufgeschnitten und im Ofen zu Platten gewalzt werden. Die Folge: Die Lichtbrechung dieses Glases ist eine andere, kommt so jener der mittelalterlichen Vorbilder näher und transportiert auch etwas von deren mystischer Wirkung.

Geschnitten, bemalt und in Blei gefasst wurde das Fenster unter Aufsicht Kuzios in Paderborn. Das haben sich Vertreter der Münstergemeinde im März dort auch angesehen. Und dort wurde das mehr als 13 Meter hohe Fenster auch schon mal in Teilen für Kontrollzwecke zusammengebaut. „Doch das ist letztlich alles nur Theorie“, sagt Kuzio. „Ein Glasfenster kann man erst am Standort endgültig beurteilen.“ Im Münster hat Thomas Kuzio seine Arbeit bislang noch nicht gesehen. „Ich muss da wohl bis Pfingstsamstag warten“, sagt der Sommersdorfer. Dann reist er zur Enthüllung an.

Ein Buch zum neuen Fenster

Gottesdienst Enthüllt wird das neue Münsterfenster am Pfingstsonntag. Es ist auch das Thema des Gottesdienstes um 9.30 Uhr. Dessen Predigt hält Thomas Erne. Der ist gebürtiger Ulmer und  Direktor des  Marburger EKD-Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart.

Publikation Die Entstehung des neuen Fensters beschreibt eine Publikation der Münstergemeinde, die zum Landesposaunentag am 1. Juli erscheinen wird.

Kosten Das neue Münsterfenster hat insgesamt 240.000 Euro gekostet. Der Großteil der Summe stammt von der Eychmüller-Stiftung aus Spenden, die bei den Beerdigungen von Wolfgang Eychmüller und dessen Schwester Lore Nübling eingegangen waren.

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