Bis Ende des 19. Jahrhunderts galt die Frauenstraße als wichtigste Einkaufsstraße Ulms. Der Bau des Hauptbahnhofs verlagerte zwar den Schwerpunkt des Einzelhandels in Richtung Hirschstraße. Mit ihrem Auf und Ab von hohen und niedrigen, von schmalen und breiten Giebelhäusern präsentierte sich die Frauenstraße aber weiterhin prachtvoll. Repräsentative Patrizierbauten und kleinere Bürgerhäuser lösten malerisch einander ab.

Das Aus kam 1944 und 45. Die Bomben, die während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs große Teile der Stadt in Schutt und Asche legten, verschonten die Frauenstraße nicht. 1947 beschloss der Gemeinderat in der "Neuordnung des Stadtgrundrisses", die bis dahin zweispurige Straße auf 18 Meter Breite auszubauen. Die Folge: Sie mutierte zur öden Asphaltpiste und verwandelte sich in eine vierspurige Hauptverkehrsachse durch die Stadt plus zwei Parkstreifen links und rechts. Bis in die 1990er Jahre hinein rollten täglich rund 14 500 Autos durch sie hindurch.

"Die Stadt hat viel von ihrem Profil verloren, als sie die Straße aufs Doppelte ihrer einstigen Breite ausbauen ließ", hält Stadtplaner Volker Jescheck heute fest. "Noch heute liegt ihr Reiz bei Null. Besonders nach Süden zur Neuen Straße hin sieht sie so schrecklich aus, dass jeder, der zu Fuß aus Richtung Innenstadt kommt, sich umdreht und zurückkehrt, sobald er sie erreicht."

In den zurückliegenden Jahren hat die Stadt bereits einiges unternommen, um den Verkehr zurückzudrängen und der Straße zu etwas Flair zu verhelfen. 2002 ist ein erster Teil zwischen Olgastraße und der Bockgasse umgebaut worden. Die Gehwege wurden breiter, die Fahrspuren schmaler. Auf der Ostseite wurden 13 Bäume gepflanzt. Zwischen der Heimstraße und der Rosengasse wurde eine Überquerungshilfe für Fußgänger und Radler installiert. Vier Jahre später fuhr der Bus auf eigener Spur.

Der zweite Bauabschnitt wird Ende 2014 abgeschlossen sein. "Zwischen der Bockgasse und der Neuen Straße versuchen wir, uns ein bisschen dem historischen Straßenbild zu nähern. Viel schaffen wir dabei freilich nicht," resümiert Jescheck.

Immerhin: Der Neubau des Wohn- und Geschäftshauses Frauenstraße 1, der gerade hochgezogen wird, ragt drei Meter in den Straßenraum hinein. "Damit wird die Achse der Frauenstraße aufs "Gindele" gegenüber zentriert". Jenes historische Gebäude, das Anfang der 1970er Jahre ums Haar abgerissen worden wäre, um Platz zu schaffen für den Straßenverkehr. Proteste aus der Bevölkerung haben es vor dem Schicksal bewahrt. Allerdings wurde das Haus damals um einige Meter gekürzt. Seinen schmucken Nordgiebel aus dem 15. Jahrhundert erhielt es aber zurück.

Die engere Einmündung der Frauen- in die Neue Straße lasse dennoch zu, dass Autofahrer auch künftig mit ihren Wagen nach links wie nach rechts abbiegen können, berichtet Jescheck. Und auch geradeaus zur Herdbrücke und nach Neu-Ulm gelangen. Um Fußgängern und Radlern das Überqueren der Fahrbahn zu erleichtern, werde wie vor dem Rathaus ein etwas erhöhter und durch die Materialien optisch abgesetzter Mittelstreifen geschaffen. Auch entstehen wieder Kurzzeitparkplätze. Die Parkbuchten dazu sollen ähnlich aussehen wie jene im Hafenbad. Des weiteren wird in diesem Straßenabschnitt ein Dutzend Bäume gepflanzt. Einen separaten Radweg gibt es aber nicht: "Man kann auch auf der Busspur radeln", hält Jescheck fest. Besser noch sei ein kleiner Umweg durch die angrenzenden Gassen.

"Die Chance, diese Straße so aufzuwerten, hat uns die Stadt Neu-Ulm eröffnet. Mit der Neugestaltung ihres Petrusplatzes hat sie den Durchgangsverkehr durch beide Städte über die Herdbrücke ausgebremst", schildert Jescheck. "Zunächst musste aber noch die Tiefgarage unter der Neuen Straße stehen." Im November 2005 schließlich waren Händler aus der Frauenstraße auf die Verwaltung zugekommen, mit dem dringenden Wunsch, die Straße attraktiver zu gestalten. Der Stadtplaner: "Letztlich ist die Initiative für das jetzt angepackte Projekt von ihnen angestoßen worden."

Links und rechts neben der Frauenstraße stehen noch immer repräsentative und für die Ulmer Stadtgeschichte bedeutende Bauten. Und hätte nicht das letzte Großbürgerhaus in Fachwerkbauweise, ein spätmittelalterliches Patrizierhaus, 1971 weichen müssen für das viergeschossige Wohn- und Geschäftshaus Frauenstraße 21, sie wäre um ein Schmuckstück reicher.

Im Folgenden einige Häuser, die dort restauriert, neu gebaut wurden oder gerade entstehen:

1. Frauenstraße 34. Vom Nachkriegsprovisorium an der Ecke Frauenstraße/Radgasse, in dem der Fahrradhändler Reich seinen Laden betrieb, blieb nichts übrig. An seiner Stelle entsteht ein fünfgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit einem Doppelgiebel.

2. Frauenstraße 30. Das Eckhaus zur Bockgasse hin wird saniert. Dabei werden auch die Reste der Dreikönigskapelle im Haus, die 1332 oder 1355 gestiftet wurde, wieder ans Licht kommen. Das Haus wird wieder als Wohn- und Geschäftshaus genutzt. Ins Erdgeschoss zieht ein Lokal.

3. Frauenstraße 23. Jahrelang war für den Parkplatz hinter der ehemaligen Post ein Hotel geplant. Das Projekt zerschlug sich. Es entstand ein Wohnhaus samt Reisebüro im Erdgeschoss. Der Renaissance-Bau Frauenstraße 23 war einst der Pfleghof des Klosters Kaisheim, gebaut vor 1522.

4. Frauenstraße 19. Auch der Ehinger Hof ist ein Zeugnis aus der Reichsstadtzeit. Lange Zeit hatte das 1577 als Palais errichtete Haus dem Land gehört, das dort sein Vermessungsamt eingerichtet hatte. Nach dessen Auszug erwarb die Stadt Ulm das Gebäude. Jetzt sind dort das Frauenbüro der Stadt, das Agendabüro und die Hauptabteilung Kultur eingezogen.

5. Frauenstraße 12. Dieses 2012 neu hochgezogene Wohn- und Geschäftshaus ist mit einer ausgefallenen schwarz-glänzenden Glasfassade ausgestattet. "Solche Fassaden sollten die Ausnahme in der Stadt bleiben", hält der Stadtplaner Jescheck dazu fest.

6. Frauenstraße 1. Ein in den 1950er Jahren errichteter Bau wich einem Neubau, der einen markanten Punkt an der Ecke zur Neuen Straße setzt. Ins Unter- und Erdgeschoss zieht ein dm-Markt, ins erste Obergeschoss eine Woolworth-Filiale. Der Start ist für März 2014 geplant. Dann wird es in dem Haus auch eine Bäckerei-Filiale und ein Kabel-BW-Laden geben.

7. Frauenstraße 2. Der Salemer Hof, ein prächtiges Gebäude an der Ecke zur Frauenstraße, ist ein Adels- und Kaufmannshaus aus dem 14. Jahrhundert. Der rückwärtiger Teil wurde abgebrochen, stattdessen entstanden Wohnungen. Im denkmalsgerecht sanierten im Barock umgebauten Salemer Hof haben heute mehrere Steuerberater und Rechtsanwälte ihre Büros.