Ulm Medizinstudenten bieten Sprechstunden für Unversicherte

Ein regulärer Arztbesuch? Für Obdachlose ist die Hemmschwelle oft hoch. Viele nutzen deshalb das Angebot von Medinetz im DRK-Übernachtungsheim. Medizinstudentin Gesa Grupe nimmt die Patienten in Augenschein und vermittelt sie - wenn nötig - an einen regulären Arzt. Foto: Sophie Krauss
Ein regulärer Arztbesuch? Für Obdachlose ist die Hemmschwelle oft hoch. Viele nutzen deshalb das Angebot von Medinetz im DRK-Übernachtungsheim. Medizinstudentin Gesa Grupe nimmt die Patienten in Augenschein und vermittelt sie - wenn nötig - an einen regulären Arzt. Foto: Sophie Krauss
Ulm / CHRISTOPH MAYER 14.08.2012
Seit zweieinhalb Jahren halten sie 14-täglich Sprechstunde im Übernachtungsheim des Roten Kreuzes ab: Medizinstudenten helfen Menschen auf der Schattenseite des Lebens. Das Angebot wird gut angenommen.

Donnerstagabend kurz nach halb sieben im Übernachtungswohnheim des Roten Kreuzes in der Ulmer Frauenstraße. Ein Obdachloser betritt das Arztzimmer im zweiten Stock. Was hinter der Tür besprochen wird, fällt unter die "ärztliche Schweigepflicht", auch wenn die Diensthabenden keine Ärzte sind: Jonathan Remppis und Gesa Grupe studieren beide im 10. Semester Medizin. Sie sind Mitglieder des rund 25 Köpfe zählenden Vereins "Medinetz Ulm", einer von Ulmer Studenten gegründeten Beratungs- und Vermittlungsstelle für Flüchtlinge, Obdachlose und Menschen ohne Krankenversicherung.

20 Minuten bleibt der Mann im Sprechzimmer, wie Gesa Grupe später erzählt, hat er sich den Blutdruck messen und sich wiegen lassen, von Hörproblemen berichtet - ein "typischer" Patient, der nicht gleich zu einem Arzt weitervermittelt werden musste. "Viele kommen zum Reden vorbei und sind dankbar, dass sich jemand Zeit für sie nimmt." Wobei stets gilt: Die Beratung ist anonym, persönliche Daten werden nicht gesammelt. Abgewiesen wird bei Medinetz grundsätzlich keiner, obwohl die meisten Obdachlosen krankenversichert sind und deshalb zu einem regulären Mediziner gehen könnten. Doch oft sei da eben die Hemmschwelle zu groß, wissen Remppis und Grupe. Wichtigste Zielgruppe sind jedoch Menschen ohne Krankenversicherung. Abgelehnte Asylbewerber etwa, die bei Bekannten untergetaucht sind und sich deshalb illegal in Deutschland aufhalten. Ärztlich behandeln dürfen die angehenden Mediziner aus rechtlichen Gründen niemanden, Blutabnehmen oder das Verschreiben von Medikamenten sind tabu. "Aber wir können die Menschen in Augenschein nehmen, hören, was sie drückt und die weitere Behandlung organisieren", sagt Remppis.

Das funktioniert nur, weil niedergelassene Ärzte mitspielen. Gut 300 Praxen im Raum Ulm hatte Medinetz nach seiner Gründung angeschrieben und nachgefragt, ob man bereit sei, bedürftige Patienten im Notfall kostenlos zu behandeln. Immerhin 25 Mediziner erklärten sich bereit, überwiegend Haus-, Frauen- und Kinderärzte. Schwieriger wird es, wenn eine stationäre Behandlung nötig ist. Krankenhäuser winken oft ab, weil schon bei kurzen Klinikaufenthalt sehr hohe Kosten entstehen. "Auf denen will keiner sitzen bleiben", sagt Remppis.

Doch auch dann finden sich mitunter unbürokratische Lösungen. So konnte eine unversicherte Schwangere auf Initiative der Studenten in einem Krankenhaus entbinden. Einen Teil der Kosten in Höhe von 3000 Euro zahlt die Frau in Raten ab, der Rest wurde aus Spenden finanziert. Wie auch die Impfung der Kinder einer bulgarischen Familie mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus. Was die Studenten motiviert? "In der Uni geht es ums Lernen, aber hier können wir etwas tun mit unserem Wissen", sagt Gesa Grupe. "Gesundheit ist ein Grundrecht, und für einen angehenden Arzt ist das eine ideale Möglichkeit, sich zu engagieren", ergänzt ihr Kommilitone.

Juristischen Ärger muss Medinetz nicht befürchten. Das Hilfsgebot steht nach aktueller Rechtssprechung über dem Meldegebot. Auch in anderen deutschen Städten bestehen ähnliche Initiativen. Bisher sei kein Arzt belangt wurden, weil er Menschen ohne gültigen Aufenthaltstatus behandelt habe, sagen Remppis und Grube. Die Bundesärztekammer hat erklärt, dass sie hinter Kollegen stehe, die Menschen ohne medizinischen Versicherungsschutz in ihrer Praxis behandeln. Auch die Bezirksärztekammer, die vor zwei Jahren ob des studentischen Engagements Bedenken geäußert hatte, weil die Trennlinie zwischen Hilfestellung und medizinischer Behandlung unscharf sei (wir berichteten), habe mittlerweile klare Zustimmung signalisiert.

Info
Medinetz sucht Mitstreiter. Dies können außer Medizinstudenten auch Juristen (Rechtsfragen), Informatiker (Internet-Auftritt) oder Sozialpädagogen sein. Kontakt: www.medinetz-ulm.de

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