Ulm Medaille der Stadt für Carmen Stadelhofer

Freut sich über die Bürgermedaille der Stadt: Carmen Stadelhofer.
Freut sich über die Bürgermedaille der Stadt: Carmen Stadelhofer.
Ulm / SWP 23.07.2013
Man könnte sie leicht übersehen. Carmen Stadelhofer ist nicht groß gewachsen, sie misst wohl so um die 1,55 Meter. Zu überhören ist sie freilich nicht.

Man könnte sie leicht übersehen. Carmen Stadelhofer ist nicht groß gewachsen, sie misst wohl so um die 1,55 Meter. Zu überhören ist sie freilich nicht. Wenn die 66-Jährige loslegt - und das tut sie vehement, wenn sie von etwas überzeugt ist -, dann gibt es fast kein Entrinnen für das Gegenüber. Sie redet und redet und redet. Lernen im dritten Lebensalter? Senioren-Kurse an der Uni? Muss das sein! Doch, es musste sein. Carmen Stadelhofer ließ sich damals, Anfang der 90er Jahre, nicht beirren, sie hatte gute Argumente - und eine außergewöhnliche Ausdauer. Ganz am Ende, als alle ermattet in den Seilen hingen und der letzte Bedenkenträger verstummt war, redete sie immer noch weiter von ihrer Vision eines innovativen Bildungsprogramms für ältere Erwachsene. Das Ergebnis: Das Zentrum für allgemeine wissenschaftliche Weiterbildung (Zawiw) wurde 1994 an der Universität Ulm eingerichtet.

Das Renommee, das das Zawiw mittlerweile national und international genießt, geht maßgeblich auf sie zurück. Sie prägte die Einrichtung über fast zwei Jahrzehnte hinweg bis zu ihrer Pensionierung in diesem Frühjahr. Kurz: Sie war das Zawiw. Auch wenn sie gerne das Gegenteil behauptet - von wegen, das Zawiw sei keine "One-Woman-Show" gewesen. Aber im Ernst: Nimmt ihr das irgendjemand ab?

Wertschätzung für ihre Arbeit erfuhr die gebürtige Frankfurterin, die in Mannheim aufgewachsen ist, über viele Jahre allerdings nicht. Was wohl auch mit ihrer von vielen als unbequem empfundenen Art zusammenhängt. Sie stand den Leuten unermüdlich auf den Füßen, ließ so schnell nicht locker, kämpfte und kämpfte. Nicht von ungefähr eilt ihr der Ruf voraus, dass sie den kleinen Finger verschmäht, wenn die ganze Hand in Reichweite ist.

Schelen Auges wurden ihre Aktivitäten beobachtet. Als Geisteswissenschaftlerin - sie studierte Pädagogik, Germanistik und Romanistik - hatte sie es an einer medizinisch-naturwissenschaftlich-technischen Universität wie der Ulmer von Haus aus schwer. Sie, die 1981 nach Ulm gekommen war und unter anderem auch die Frauenakademie an der vh mitbegründete, hatte es freilich doppelt schwer; was mann hinter vorgehaltener Hand alles über sie munkelte, wolle sie gar nicht wissen, sagte sie einmal. "Feministin" war wohl noch der freundlichste Begriff. Insofern mag die Bürgermedaille der Stadt Ulm eine späte Genugtuung für sie darstellen, für die Prophetin, die bekanntermaßen im eigenen Land nichts gilt. Dass diese Art der Anerkennung sie freut, gibt sie unumwunden zu. "Das zeigt, dass ich endlich in Ulm angekommen bin. Es war ja auch ein schwieriger Prozess."

So wenig sie die anderen schonte - auch als Chefin des Zawiw forderte sie ihren Mitarbeitern einiges ab - , so wenig schonte sie auch sich selber. Die Networkerin war permanent auf Achse, oft mehr unterwegs als am Schreibtisch auf dem Oberen Eselsberg anzutreffen. Sie reiste mal hierhin, mal dorthin. Machte Werbung für Lernen im dritten Lebensalter. Putzte Klinken bei Stiftungen und bei potenziellen Drittmittelgebern. Denn das Zawiw brauchte Geld, nicht nur um die Akademiewochen und Alt-Jung-Projekte durchzuführen, sondern auch um wissenschaftlich arbeiten zu können. Sprich: Die Veranstaltungen waren gleichsam auch das Forschungsgebiet der passionierten Aktionsforscherin. Im Lauf der Jahre hat Stadelhofer mehrere Arbeiten zu diesem Thema publiziert.

Und die Veranstaltungen selber? Sie boomten gewaltig. Innerhalb weniger Jahre hatten die Akademie-Wochen einen unglaublichen Zulauf, 1000 und mehr Senioren nahmen an den Kursen teil. Immer wieder schloss sie mit ihren Mitarbeitern neue Themenfelder auf wie "Globalisierung und Nachhaltigkeit", "Mit allen Sinnen - wie nehmen wir wahr", "Grenzsituationen zwischen Leben und Tod", "Medizin wohin?" oder "Herauforderungen der demographischen Entwicklung". Und die Senioren liebten sie dafür.

Man kann sich vieles vorstellen, eines aber nicht: Carmen Stadelhofer im Ruhestand. Sie wird weiterhin wirbeln. Denn der Job war und ist ihr Leben.

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