Universitätsmedizin Masterplan: Ulmer Uni-Klinikum stellt sich neu auf

Alle Kliniken an der Albert-Einstein-Allee konzentriert: ein Szenario, wie es auf dem Oberen Eselsberg in 30 Jahren aussehen könnte.
Alle Kliniken an der Albert-Einstein-Allee konzentriert: ein Szenario, wie es auf dem Oberen Eselsberg in 30 Jahren aussehen könnte. © Foto: Computeranimation: Uni-Klinikum/SWP
Ulm / CHRISTOPH MAYER 07.11.2017
Bauliche und inhaltliche Konzentration – das sind die Schlagworte. Mit einem Masterplan will der Leitende Ärztliche Direktor Udo Kaisers das Großkrankenhaus für die Zukunft fit machen.

Wenn Udo Kaisers mit leichter Ironie vom „Zonenrandgebiet“ spricht, meint er nicht das Terrain entlang der früheren DDR-Grenze. Der Vorstandsvorsitzende und Leitende Ärztliche Direktor der Ulmer Universitätsmedizin spricht von Ulm – aus Stuttgarter Perspektive. Er will damit ausdrücken, dass der Obere Eselsberg in der Landeshauptstadt nicht als so bedeutend wahrgenommen werde, wie er es aus Kaisers Sicht verdient hätte. „Als jüngste der vier Uni-Kliniken im Land müssen wir besonders um Investitionen kämpfen.“

Dass eine kräftige Geldspritze vonnöten ist, steht für den 56-Jährigen außer Frage. Auch, weil im 70 Kilometer entfernten Augsburg bis 2019 eine komplette Universitätsklinik entsteht, die sich das Land Bayern 1,3 Milliarden Euro kosten lässt. Damit Ulm mittelfristig nicht abgehängt werde, müsse „in den nächsten 30 Jahren ein hoher dreistelliger Millionenbetrag“ in den Osten Württembergs fließen.

Vor allem die räumliche Verteilung des Ulmer Klinikums auf mehrere Standorte – Eselsberg, Michelsberg, Safranberg – hält der Vorstandsvorsitzende für einen nicht zukunftsfähigen Standortnachteil: weil die Aufrechterhaltung von Doppelstrukturen sowie vergleichsweise lange Wege unnötig viel Zeit und Geld kosteten. „Ziel muss deshalb sein, alle Einrichtungen an einem Standort zu bündeln.“ Dass dies nicht hoppladihopp gehen könne, sei klar, „man muss im Zeitrahmen von 30 bis 35 Jahren denken und die ein oder andere politische Unwägbarkeit einkalkulieren“, sagt Kaisers. Der unter seiner Ägide entwickelte „Masterplan“ fürs Ulmer Klinikum gebe aber die Richtung vor, in die es gehen müsse: eine sukzessive Konzentration aller universitätsmedizinischen Bereiche entlang der Albert-Einstein-Allee auf dem Oberen Eselsberg. Auch für die Stadt Ulm wäre das ein Gewinn. „So entsteht Platz für citynahe Wohngebiete.“

Statisch zu kompliziert

Von ursprünglichen Erwägungen, auf den 2012 fertig gestellten Chirurgieneubau mittelfristig weitere Kliniken draufzusatteln, wie es Kaisers Vorgänger Reinhard Marre skizziert hatte, sind die Masterplaner abgerückt: statisch zu kompliziert, heißt es. Für den zügigen Start eines „Neubauprogramms“ an der Einstein-Allee spreche auch die überfällige Sanierung der in die Jahre gekommenen Medizinischen Klinik auf dem Eselsberg-Campus. „Das wäre bei laufendem Betrieb nicht möglich“, sagt Kaisers.

Ein Batzen Arbeit steht also bevor – zumal mit der baulichen Erneuerung eine inhaltliche einhergehen soll, Stichwort: Departmentstruktur. „Einzelkliniken gehören der Vergangenheit an“, sagt Kaisers, auch das Land dringe auf entsprechende Reformen. Bereits Mitte 2018 will der Leitende Ärztliche Direktor  die Struktur der künftigen Departments definieren und dabei auf eine „Ulmer Lösung“ setzen, wohlwissend, dass es bei Ärztlichen Direktoren einzelner Kliniken Vorbehalte gibt, weil so mancher um seine bis dato mächtige Position fürchte. Grundlos, wie Kaisers findet: „Departments haben gegenüber dem Klinikvorstand ein stärkeres Gewicht als eine Einzelklinik.“

Wie so ein Department beschaffen sein könnte, beschreibt Kaisers am Beispiel der Krebsmedizin. In einem künftigen „Department für Onkologie“ etwa wären weite Bereiche der bisherigen Kliniken für Innere Medizin I (Gastroenterologie, Endokrinologie), Innere Medizin III (Hämatologie, Onkologie), aber auch Teile der Chirurgie, der Dermatologie sowie die Strahlentherapie zusammengefasst. Baulich fänden sie Platz in einer „gemeinsamen Hülle“ neben dem Chirurgiegebäude.

Freundliches Entree

Dieses „erste Modul“ muss aus Kaisers’ Sicht in den nächsten sieben, acht Jahren verwirklicht werden. Damit einher gehe ein separates Verbindungsgebäude zur Chirurgie, in dem Aufnahme, Ambulanz und Sonografie unterkommen. Es soll auch als „freundliches Entree“ fürs Gesamtklinikum dienen und einen bestehenden Malus beseitigen: „Die Chirurgie weist den von der Einstein-Allee kommenden Patienten und Besuchern den Rücken zu.“ Die Kosten allein für diesen ersten Schritt beziffert Kaisers mit 150 bis 200 Millionen Euro.

Als zweites Modul – Perspektive 20 Jahre – stehe der Bau eines Gebäudes für die „Kopfkliniken“ (Hals-Nasen-Ohren, Augen) an. Den Abschluss in etwa 30 Jahren würde dann der Bau eines dritten Moduls westlich der Chirurgie auf dem Gelände des heutigen Verwaltungsgebäudes  („Es wird fallen müssen“) machen. Dort sollen einmal die jetzt noch auf dem Michelsberg beheimatete Kinder- sowie die Frauenklinik einziehen.

Auch an eine weitere Verwendung für die dann sanierte Innere Medizin ist gedacht. Sie könnte die Psychiatrie und vielleicht die Neurologie beherbergen.

Ohne Neurologie nur eine „Rumpfklinik“

RKU Nur einen Steinwurf vom Uni-Klinikum entfernt liegt auf dem Oberen Eselsberg das Rehabilitationskrankenhaus RKU mit rund 400 Betten. Schwerpunkte sind die Orthopädie und die Neurologie mit dem Schlaganfallzentrum. Träger des RKU sind zu jeweils 50 Prozent die privaten Sana-Kliniken und das Uni-Klinikum, das jedoch keinen Zugriff auf Geschäftsführung und Gewinne (jährlich rund drei Millionen Euro) hat.

Einverleibung Uni-Klinik-Chef Udo Kaisers macht keinen Hehl daraus, dass er die  Neurologie früher oder später in einem entsprechenden Department am Uni-Klinikum angesiedelt sehen möchte. „Ohne Neurologie sind wir ein Rumpf-Klinikum“. Schlaganfallpatienten bräuchten Behandlung aus einer Hand, dazu gehörten auch Kardiologen und HNO-Ärzte. Das könne das „monothematische“ RKU nicht leisten. Wie der seit einiger Zeit bestehende Konflikt gelöst werden kann, ist offen.

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