Science Slam Science Slam: Wissenschaft ganz locker

Susanne Grube sprach über „das bizarre Sexualleben der Windenglasflügelzikade“. Für den Sieg reichte es nicht.
Susanne Grube sprach über „das bizarre Sexualleben der Windenglasflügelzikade“. Für den Sieg reichte es nicht. © Foto: Martina Dach
Ulm / Thomas Vogel 04.12.2017
Bei der Deutschen Meisterschaft im Science Slam traten Käpsele aus dem ganzen Land in einen rhetorischen Wettstreit. Am Schluss aber siegte ein Schwabe: Martin Werz.

Forsche emsig im Labor, im Archiv oder im Elfenbeinturm – und rede darüber auch mal außerhalb der „Science Community“, und zwar pointiert, anschaulich, im Klartext und möglichst unterhaltsam. Denn bei der Deutschen Meisterschaft im Science Slam es sollten die Zuhörer mit anderen Bildungshintergründen möglichst viel davon haben: einen Einblick in die unbekannten Galaxien hochspezieller Forschungsfelder erhalten und dazu einen möglichst vergnüglich-kurzweiligen Abend erleben.

Unter dieser Vorgabe betrachtet, hätte für diese lange Nacht der fröhlichen Wissenschaft im ausverkauften CCU eine Wertung mit einer Neun vor dem Komma nicht verwundert. Die Bestnote war bei 10 gedeckelt. Außerhalb der Reihe wurde lediglich die Begrüßungsrede von OB Gunter Czisch einer Wertung unterzogen. Probehalber.

Beim vorletzten von acht Wettbewerbsteilnehmern war jedoch die Höchstnote nicht mehr fern. Simon Hauser, nach seinen Worten seit dem Grundstudium in Heidelberg dem mittelalterlichen Handschriftenwesen verfallen, kam in Mönchs-Kluft auf die Bühne. Im Stakkato ging’s quer durchs mittelalterliche Europa und die damals noch überwiegend religiös geprägte Vorstellungswelt. Die Pointen waren messerscharf gesetzt, die Pausen nicht länger als ein Atemzug. Auch Selbstironie, das weite Feld der Geisteswissenschaften betreffend, fehlte nicht, verstünden diese es doch vortrefflich, „komplizierte Antworten auf einfache Fragen zu geben“. Hauser war der einzige der acht Finalisten, der mit seiner geslamten Doktorarbeit die Zeitmarke riss. Egal. Der Saal tobte, die Jury ließ sich zur bis dahin höchsten Wertung hinreißen: 64,2 Punkte.

Zuvor hatte etwa die „Molekulare Biomedizinerin“ Elisabeth Mettke aus Berlin das Plenum mit auf eine Reise ins Innerste des Menschen mitgenommen, genauer gesagt: in den Darm. „Wie man mit Kacke heilen kann“ blieb allein schon wegen der hemdsärmeligen Bebilderung im Gedächtnis haften. Es ging dann ferner um „das bizarre Sexualleben der Windenglasflügelzikade“, vorgestellt von Susanne Grube mit Berliner Schnauze und der Absicht, dem Publikum den Artenbildungsprozess bei Insekten zu erläutern. Um die Frage, wie die Sprachwissenschaft „die Hälfte der Menschheit rettete“ (Katharina Minz“. Um „Sex, Gewalt & Völlerei“ bei antarktischen Kieselalgen (Michael Kloster). Und um das Rätsel, wie es im Maßstab mikroskopischer Maschinen zu gleichgerichteten Bewegungen kommt und was die Theoretische Physik dazu auszusagen hat (Jannik Ennrich).

Die Schrecken der Physik

Als Physiker aber hatte man es wieder einmal nicht einfach an diesem Abend, zu dessen Swing das mit Bonmots nicht geizende Moderatorenduo Dana Hoffmann und Hanz (nur „Hanz“) beitrug. Denn Physiker gelten offenbar als kollektiv etwas entrückt, was sich alsbald zum Roten Faden des Slams entspann. Opener Wadim Wormsbecher hatte es darüber hinaus schon wegen seines Forschungsgebiets schwer, bei Laien Lust auf Mehr zu wecken. Riesige Formeln, die das Weltall in der Theorie zusammenhalten, lassen bei allem Bekenntnis zur Physik als „spezieller Denkweise“ eben auch die fernen Schrecken der Schulzeit wieder empor kriechen.

Und dann kam Martin Werz, gesetzt als Nummer acht, breites Schwäbisch, handfestes Forschungsgebiet, von dessen Nützlichkeit auch Lieschen Müller in wenigen Sätzen überzeugt werden kann. Der Mann schweißt. Das heißt, er forscht übers Schweißen. Er will rausfinden, welche Methode bei welchem Material die beste ist. Er erläuterte dies anhand von Schokoladentafeln und von „Ausstecherle“. Die Jury konnte da nur anbeißen. 64,5 Punkte sammelte der diplomierte Maschinenbauer fürs küchenpraktisch herunter gezoomte „Rührreibschweißen“, drei Zehntel mehr als sie „Mönch“ Hauser grad noch zuvor eingeheimst hatte, dem somit die allerhöchste Weihe versagt geblieben war – Deutscher Meister im Science Slam.

Ungebrochene Publikumsbegeisterung

Modalitäten 2010 wurden erstmals Deutsche Meisterschaften im Science Slam ausgerichtet. Teilnahmeberechtigt sind die jeweils zwei besten Slamer, die zuvor in vier Regionalwettbewerben (Ost, West, Nord, Süd) ermittelt werden. Eine neunköpfige Jury erteilt Noten zwischen 1,0 und 10,0. Jeweils die höchste und die niedrigste Wertung wird gestrichen, die restlichen sieben Noten werden addiert.

Gastgeber In Ulm fand ein erster Science Slam im Jahr 2011 statt, initiiert vom Team des Roxy, das nun erstmals Gastgeber der Deutschen Meisterschaft war. 25 Slams hat das Soziokulturelle Zentrum seither auf die Beine gestellt, oft vor ausverkauftem Haus. Für die Meisterschaft „hätten wir locker 200, 300 Karten mehr verkaufen können“, berichtet Roxy-Chefin Laurence Nagel.

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