Was wird beim Schenken häufig falsch gemacht?
MARTIN SCHULER: Der größte Fehler ist, sich unter Druck zu setzen. Druck erzeugt Stress und Stress hemmt die Kreativität. Ich vertrete den Leitsatz: Mit Geschenken, die von Herzen kommen, liegen Sie nie falsch.

Gutscheine aller Art stehen hoch im Kurs. Sie sind praktisch, aber oft unpersönlich. Wie kann ich dieses Dilemma lösen und Geschenke generell interessanter gestalten?
SCHULER: Schmücken Sie den Weg des Schenkens mit Aktionen. Dazu können Sie mit Rätseln spielen. Schaffen Sie Raum für Spekulationen, lassen Sie andere mitfiebern. Gut sind haptische Symbole. Ich habe einmal eine Orange mit zwei angepinnten Schokoladenflugzeugen verschenkt. Die Lösung: eine Flugreise nach Spanien. Alle haben es erraten, bis auf die Beschenkte (lacht).

Besonders heikel wird es bei Geldgeschenken...
SCHULER: Hier sollte man überlegen, worauf der andere spart und dies dekorativ umsetzen. Bei einem Tauchurlaub auf den Malediven, können Sie ein Goldfischglas mit blauem Bastelsand befüllen, exotisch gestalten und die Geldscheine in Muscheln stecken. Ansprechende Dekorationen werden dauerhaft genutzt, haben einen Mehrwert. Falls sich Ihr Gegenüber ein Instrument oder einen Mp3-Player wünscht – warum nicht ein eigenes Lied „komponieren“? Dafür bekleben Sie die Notenhälse mit Geldscheinen und die Notenköpfe mit Kleingeld.

Sie empfehlen Geschenke zu übergeben, statt unter den Baum zu legen. Warum?
SCHULER: Das Geschenk ist das Materielle, die Übergabe das Emotionale. Mit den richtigen Worten drücken Sie Wertschätzung aus, unabhängig vom tatsächlichen Wert des Präsents. Verbinden Sie die Übergabe mit einem Dank. Für die Unterstützung bei einer bestimmten Sache, einen liebenswerten Charakterzug oder sagen Sie schlicht und ergreifend: „Danke, dass du immer für mich da bist.“ Krönen Sie das Geschenk mit einem Kompliment. Je persönlicher, desto besser. „Das Gold des Seidenschals passt wunderbar zu deinen blauen Augen.“ Bringen Sie Herzensangelegenheiten positiv zum Ausdruck. Dies kann eine Entschuldigung sein („Ich weiß, du hattest es nicht immer leicht mit mir“), eine Anerkennung („Im vergangenen Jahr hast du viel geleistet und dir diese Auszeit verdient“), ein Zuspruch oder Vertrauensbeweis.

Was raten Sie bei finanziell eingeschränktem Budget?
SCHULER: Eine Kleinigkeit von guter Qualität zu kaufen und durch eine starke Symbolik aufzuwerten. Will der Bruder ein eigenes Geschäft eröffnen? Mit einem eleganten Kugelschreiber samt Gravur kann er seine ersten Verträge unterzeichnen. Das Schreibgerät wird zum Glücksbringer, der ihn jahrelang begleitet. Betonen Sie die Idee, die dahinter steckt, dann ist der Kostenfaktor unerheblich.

Welches „No-Go“ sollte bei der Bescherung vermieden werden?
SCHULER: Es ist ratsam, die jeweiligen Rituale und Wertesysteme der Familie an Heiligabend zu respektieren. Manche reagieren zum Beispiel dünnhäutig, wenn Abläufe durcheinander geraten und die Bescherung dem Kirchgang vorgezogen wird oder umgekehrt. Wichtig ist zudem, das Geschenkumfeld und dessen Reaktion abzuwägen. Es ist nicht angebracht, im Angesicht aller ein heißes Dessous auszupacken. Auch der Bungeejumping-Gutschein für den Liebsten kann bei einer ängstlichen Schwiegermutter zu ermüdenden Diskussionen führen. Intime und streitbare Geschenke besser unter vier Augen überreichen.

Wenn man doch einmal komplett daneben lag?
SCHULER: Dann sollten Sie Ihrem Gegenüber die Gelegenheit geben, das Geschenk umzutauschen. Dabei ist verbales Fingerspitzengefühl gefragt, zum Beispiel: „Das gibt es auch in Version XY.“ Einfach langsam vortasten und Alternativen anbieten. Nehmen Sie sich Ihren Fehlgriff nicht zu Herzen, sondern sehen Sie Weihnachten als „Resilienztraining“ an, um gestärkt aus Fehlern hervor zu gehen.

Moderne Medien stellen uns vor neue Herausforderungen: Wie setze ich mich von der alljährlichen Flut an Weihnachtsmails ab?
SCHULER: Indem Sie die medialen Möglichkeiten für sich nutzen: Versenden Sie zum Beispiel ein animiertes Fotoalbum oder einen selbst gedrehten Weihnachts-Sketch. Über Sicherheitsfilter und Empfängergruppen können Sie auswählen, wer die Inhalte einsehen kann.

Verraten Sie uns noch Ihren Geheimtipp?
SCHULER: Zeit ist in unserem schnelllebigen Alltag das höchste Gut, das wir verschenken können. Dies beginnt bei einer aufmerksamen Verpackung. Ob Wellness-Wochenende, Kochabend unter Freunden oder Gutschein für eine Schneeballschlacht – gemeinsam Zeit zu verbringen, ist pure Wertschätzung.