Ulmer Philharmoniker Maria und der Gott der Liebe

Viel Beifall gestern Abend für Tamás Füzesi als Solist in Bernsteins „Serenade“.
Viel Beifall gestern Abend für Tamás Füzesi als Solist in Bernsteins „Serenade“. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Jürgen Kanold 05.12.2018

Leonard Bernstein, der gewiss nicht an mangelndem Selbstbewusstsein litt, hatte als Komponist durchaus seine Probleme mit dem Bizet-Syndrom: Er wollte nicht wie der Franzose („Carmen“) auf nur einen Welterfolg reduziert werden – nämlich auf sein Musical „West Side Story“. Tja, der Amerikaner schuf rund 75 Werke der verschiedensten Gattungen, darunter drei Sinfonien und andere große Orchesterwerke, die freilich eher selten aufgeführt werden. Leider. Die Ulmer Philharmoniker feierten gestern Abend im ausverkauften CCU aber eine Hommage an den vor 100 Jahren geborenen „Lenny“ nicht nur mit den „Sinfonischen Tänzen“ aus der „West Side Story“, sondern auch mit der „Serenade nach Platons Symposion“, einem Violinkonzert mit viel Schlagwerk.

Weshalb die „West Side Story“ einer der größten Hits ever bleibt, demonstrierten Generalmusikdirektor Timo Handschuh und seine Musiker aber vom Start weg auch konzertant: ein sinfonisches Spektakel, große amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts, Mambo und Cha-Cha, rhythmisch befeuert. So ganz schwerelos tanzte das Orchester zwar nicht als Jazz-Band, schwelgte aber wunderbar das „Somewhere“.

Ein Amerikaner in Athen

Von der New Yorker Romeo-und-Julia-Lovestory dann zu Eros, dem Gott der Liebe, zurück in die Antike nach Athen. Philosophierende Musik in fünf Sätzen, benannt nach Phaedrus oder Erixymathus, die beim Gastmahl auftreten und über das Wesen der Liebe reden? Das klingt aber nicht intellektuell verquast, sondern emotional und lyrisch und humorvoll – ja elegisch sinnlich, wenn Agathon erzählt: Tamás Füzesi, der Konzertmeister der Philharmoniker, hatte einmal mehr einen starken Auftritt als Solist und philosophierte gewitzt auf der Geige. Die Zugabe: natürlich Bernstein, das (leicht verstimmte) „Maria“ mit Geigengesang aus der „West Side Story“.

Und nach der Pause Aaron Cop­land: Der war, wie Bernstein selbst sagte, sein Vorbild, Therapeut, Berater, sein um 18 Jahre „älterer Bruder“ und geliebter Freund. Für Bernstein war Copland der „Meister in Amerika“, und er dirigierte oft dessen Werke: etwa die europäische Erstaufführung der 3. Sinfonie in Prag, 1947. Da war Bernsteins Stern schon aufgegangen, was sich im arroganten Tonfall eines Briefes an Copland äußerte: „Schätzchen, der Schluss ist eine Sünde.“ Und die Aufführung: „Der große Knaller war es nicht, das ist alles; es war solide, es war seriös.“

Nun, bald rühmte Bernstein diese 3. Sinfonie als ein „fantastisches Stück“, später als ein amerikanisches Monument. Dabei ist Coplands Werk nicht direkt gespeist aus US-Folklore und Jazz-Elementen (wie in „Rodeo“ oder „Billy The Kid“), sondern nahezu klassisch durchgearbeitet. Im letzten Satz aber zitiert Copland seine „Fanfare For The Common Man“: eine euphorisch hymnische, so pathosvoll zukunftsfrohe wie tief anrührende Musik; aufgerissen und gefeiert von den Blechbläsern, von der Pauke ins Bewusstsein getrommelt.

Landschaftsmalerei, Großstadtwirbel, ein liberales, hoffnungsvolles Amerika und das eine bessere Welt beschwörende Finale wie aus einem Hollywood-Epos. Das erklang jetzt auch im CCU nicht solide, nicht seriös, sondern mitreißend. Handschuh zelebrierte, und die Philharmoniker, die an einem Abend selten so viel rhythmisch vertrackte Musik zu spielen hatten, schlugen sich vorzüglich.

Viele Menschen, sagte Copland einmal, nutzten Musik wie eine Couch: „Sie wollen darin gemütlich sitzen. Aber ernste Musik war nie als Schlafmittel gedacht.“ Das – teils laut erkältete – Publikum applaudierte gestern um halb elf hellwach. Den Philharmonikern gelang eine tolle Geburtstags-Party für Leonard Bernstein.

Info Die Philharmoniker spielen das Programm heute Abend, 20 Uhr, noch einmal im CCU.

Aaron Coplands „Fanfare For The Common Man“

17 Jahre lang hatte das Theater Ulm einen amerikanischen Generalmusikdirektor: James Allen Gähres, der immer auch Werke seiner Landsleute aufs Programm setzte. Coplands 3. Sinfonie aber dirigierte er nicht – das tat sein Kollege Thomas Conlin im Jahr 2000 in einem Philharmonischen Konzert. Aber als die SÜDWEST PRESSE 2011 Gähres mit einem Forum im Stadthaus verabschiedete, überraschten ihn seine Musiker mit der „Fanfare For The Common Man“ – unvergesslich.

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