Ulm Marco Kerler am lyrischen Puls der Zeit

Ulm / SABRINA SCHATZ 15.04.2015
Mit lieblicher Feierabendlyrik hat Marco Kerlers "Schreibgekritzel" wenig zu tun. Am Freitag, 19 Uhr, stellt er den Lyrikband bei Jastram vor.

"Früher/nannten sie es Wahrnehmungsstörung/wenn ich die Welt in Bildern sah/Heute/lesen Sie meine Gedichte" - so beginnt der Ulmer Marco Kerler seinen Lyrikband "Schreibgekritzel". Die 65 Gedichte erzählen vom flüchtigen, aber intensiven Leben, von "NachtSchwärmerEskapaden" und dem "Kummerschlummertraum" - wenig melancholisch, sondern "nach Veränderung schreiend", wie der Autor sagt.

Liebliche Feierabendlyrik sucht man vergeblich; die Worte sind weder blumig, noch reden sie etwas schön. Vielmehr zeichnet Kerler auf reduzierte und schonungslose Weise ein Bild der Gegenwart. "Die Gedichte sind sozialkritisch. Aber sie zeigen nicht mit dem Finger auf etwas, sondern bergen einen unterschwelligen, schwarzen Humor", erklärt der 30-Jährige. So geht es etwa um das digitale Zeitalter, in dem Google Maps die Karten erfindet und Gedanken weggezappt werden wie Werbeblöcke. Oder um eine "Postkartenwelt", deren Grenze nicht verschickt werden kann. Kerlers Lieblingsgedicht "Weil wir so frei sind" handelt davon, wie eingeschränkt unser Leben ist. Am Ende heißt es: "interpretieren verboten".

Seine Inspiration schöpft der Ulmer aus dem Alltag, manchmal nur aus einem einzigen Wort. "Obwohl es manchmal klingt, als schreibe ich über eigene Erfahrungen, ist das meiste doch fiktiv und zugespitzt."

Kerler ist überrascht, dass sein Lyrikband trotz moderner Themen und teils derber Wortwahl viele ältere Leser anspricht. Manche sagen, sie erkennen darin die Jugend wieder. "Bei den Jüngeren ist es schwieriger, das Eis zu brechen. Lyrik ist aus der Schule nicht unbedingt positiv konnotiert", sagt er.

Dass Poesie keinesfalls verstaubt ist, dafür ist Kerler das beste Beispiel: 2007 debütierte er mit seinem Lyrikband "Damn Poetry", es folgte das Chapbook (zu deutsch: kleiner Gedichtband) "NotGroschen". Weitere Texte erschienen in Magazinen und Anthologien. 2011 erhielt Kerler beim Förderpreis Junge Ulmer Kunst eine Anerkennung in der Sparte Literatur. Mit seiner experimentellen Rockband "MarcoBeatZ" vertont er seine Texte selbst.