Ulm Making Of des Titelfotos: Männer am Boden

Ulm / IRMGARD STÄDELE 27.06.2013
Am Donnerstag startet die Oldtimer-Rallye Donau Masters zum achten Mal vom Münsterplatz. Darum ziert auch ein Foto eines Oldtimers das aktuelle Sonderheft des Magazins "Unternehmen". Doch wie ist das Bild eigentlich entstanden? Ein Making of ...
Oft träumt man als Fotograf davon, freie Projekte umzusetzen; man spinnt sich Ideen zusammen, wie man Menschen, Szenen und alle möglichen Dinge gerne mal fotografieren würde. Autos zum Beispiel. Die meisten Vorhaben verlaufen im Sand: Mal fehlt’s am Geld, immer an der Zeit. Fast immer. Südwest-Presse-Fotograf Lars Schwerdtfeger kniet auf dem Ulmer Münsterplatz. Über ihm ein cremefarbener Traum, ein Mercedes 250 SL Pagode. In dem Traum, seinem Traum, sitzt Manfred Hommel, der Kopf der Donau Masters und Chef der wichtigsten deutschen Mercedes-Benz-Niederlassung in Stuttgart. Er sieht grad so aus, als jage er mit 160 Sachen über eine legendäre Rennstrecke. Doch stopp. Der Reihe nach. Einige Wochen zuvor steht Alen Pahic, Teamleiter der SWPGrafikabteilung, im Fotografenbüro: „Die Donau Masters stehen an. Schon eine Idee für die Titeloptik?“ Oh ja! Die hat Schwerdtfeger: Ein Anklang an Fahraufnahmen in den Hochglanzmagazinen, in denen die Autokonzerne ihre neuesten Babys präsentieren. Pahic ist begeistert und wirft die Orga-Kurbel an. Er beschafft die städtische Genehmigung – und gewinnt die Hauptdarsteller: Manfred Hommel und seine Pagode. Es folgen Versuche: vom sanftestmöglichen Autoanschieben bis zum Saugnapftest. Im Team sind jetzt auch Grafik-Co-Chef Michael Zülzke und Christian Wille, SWP-Fotograf und Kameramann, mit dem Schwerdtfeger schon viele Fototräume ausgetüftelt hat.
 
Freitag, 7. Juni, 7.55 Uhr. Das Timing ist perfekt. Nach gefühlten 1000 Tagen Winter sieht
es nach gutem Wetter aus. Der Münsterplatz liegt noch im Schatten, doch der Himmel strahlt sommerblau. Das Shooting-Team breitet allerlei Gerätschaften um sich herum aus: Kameras, Stative, Stangen, Saugnäpfe … Frühaufsteher eilen vorbei – müde, aber neugierige Blicke.
 
Punkt 8 Uhr schnurrt wie verabredet ein tiefenentspannter Manfred Hommel in seiner Pagode auf den Platz. Das Licht um den Münsterturm verändert sich. Die Sonne blitzt – und muss eingefangen werden. Das gibt dem Bild den gewissen Kick. Zügig, aber behutsam drückt Schwerdtfeger die Saugnäpfe auf die Motorhaube, montiert die Alustange, also den Ausleger, befestigt die Kamera, stellt sie ein. Fotograf Wille fotografiert den Fotografen, Grafiker Zülzke streift weiße Baumwollhandschuhe über, derweil Hommel den Tanz des Teams um das Traumgefährt sichtlich genießt. Eine Passantin hält inne, schmunzelt: „Herrlich, wenn’s um Autos geht, sind Männer wie kleine Kinder.“ Die Frau eilt weiter und verpasst, wie das Auto „fährt“: Zülzke, ein großer Kerl, schiebt es mit seinen behandschuhten Händen sacht an, der Fahrer hat ein 180-Sachen-Buben-Grinsen im Gesicht.
 
Für das Foto hat Schwerdtfeger eine Langzeitbelichtung gewählt. So wird der Hintergrund verwischt, während Auto und Fahrer gestochen scharf bleiben. Und wieso schiebt der arme Grafiker? Und das sichtlich vergnügt. „Es darf nichts wackeln“, erklärt Schwerdtfeger. „Wenn der Motor brummt, schwingt die Stange – und alles wär‘ für die Katz.“ Was auf dem Foto nach einer rasanten Fahrt aussieht, ist tatsächlich Kinderwagen-Schieb-Tempo,
9 Bilder in 20 Sekunden.
 
Das Münster rennt nicht weg, aber die Sonne. Weil das Gotteshaus in voller Größe auf das Bild soll, haben sich die Fotografen für ein Weitwinkelobjektiv entschieden und den Oldtimer leicht „untersichtig“ aufgenommen. Um genau den Moment zu erwischen, in dem sich die Sonne an der Münsterkante bricht, muss jetzt nur noch die Blende stimmen, die Belichtungszeit – und die Geschwindigkeit der Zülzke-betriebenen Pagode. „Natürlich gehört ein bisschen Glück dazu“, sagt Schwerdtfeger, „schließlich kann man während der Belichtung nicht durch die Kamera schauen.“ Logisch, dass der Auslegerarm mit auf dem Bild ist. Den wird der Grafiker später wegretuschieren und überhaupt dem Foto den letzten Schliff geben. Ohne Handschuhe.
 
Nach einigen Schieb-Etappen und Klick-Sequenzen ist klar: Das Baby ist im Kasten. Hommel und die Fotografen eilen zu ihrem nächsten Shootingtermin in der Neu-Ulmer Oldtimerfabrik, in der im Moment niemand herumturnt. Espresso?“ fragt der Chef der Stuttgarter Mercedes-Benz-Niederlassung die immer noch seligen Fotografen – und wirft die Maschine schon mal selber an. 

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