Ulm / HANS-ULI THIERER Magirus braucht einen neuen Chef: Antonio Benedetti verlässt die Firma und wechselt die Branche. Er geht nach Großbritannien. Mit einem Kommentar: Benedetti und das kleine Wunder.
„Magirus-Chef in Ulm – das ist der beste Job der Welt.“ Weil: „Super Mitarbeiter, super Kunden, großartiger Geist im Unternehmen. Beste Produktpalette, höchste Qualität.“ Allem Schwärmen zum Trotz: Der aus Italien stammende Manager Antonio Benedetti verlässt zum Jahresende die Magirus GmbH, an deren grundlegendem Umbau er seit 2011 maßgeblich beteiligt war.

Der 45-jährige wechselt im Einvernehmen mit der Konzernspitze die Branche: Er wird, wie er gegenüber der SÜDWEST PRESSE sagte, Geschäftsführer und Teilhaber eines Pharma-Unternehmens in der Nähe von London. Im Alter von 45 Jahren und nach vollbrachter Umstrukturierung „ist jetzt der richtige Moment, mich einer neuen Herausforderung zu stellen“.

Benedetti hat seinen Abschied und die Motive gestern in einer Betriebsversammlung der überraschten Belegschaft kundgetan. Allein dieser Umstand nötigt Magirus-Betriebsratschef Wilfried Schmid Respekt ab. „Das hat noch keiner gemacht. Bei anderen, die gingen, erfuhr man es per Mail.“

Schmid bedauert, dass Benedetti geht. Der Umgang sei nicht immer einfach gewesen, aber stets und bis zuletzt fair. Unbestreitbar seien Benedettis Verdienste beim Firmenumbau. Jetzt hätten – diese Ansicht teilt der Vorsitzende der Belegschaftsvertretung mit dem scheidenden Geschäftsführer – die auf neue Produktionsschienen gesetzte Brandschutztechnik und im Kleinen auch der Lkw-Bau in Ulm gute Perspektiven.

Schmid geht davon aus, dass die Nachfolgefrage „zeitnah“ geklärt wird und Benedetti in diese Entscheidung eingebunden bleibt. Interimsweise übernimmt der österreichische Ingenieur Andreas Klauser (50, früher Steyr Landmaschinen, seit 2012 bei Fiat Industrial Gesamtverantwortlicher für alle Marken in Europa, Afrika und mittlerem Osten, zudem Aufsichtsratsvorsitzender der Iveco Magirus AG) die Leitung der Ulmer Magirus GmbH. Sie hat 1050 Beschäftigte, dazu kommen insgesamt 250 Mitarbeiter an den kleineren Magirus-Standorten im italienischen Brescia, im österreichischen Kainbach (bei Graz) und im französischen Chambéry. Die Ulmer Magirus GmbH gehört innerhalb der Fiat-Gruppe als fast 100-prozentige Tochter der Iveco Magirus AG zur CNH Industrial.

Der Entschluss, Ulm und den Konzern zu verlassen, sei nicht leichtgefallen, sagte der verheiratete Vater eines Sohnes (acht Jahre alt) und einer Tochter (fünf). Die Familie, die in Wiblingen, lebt, fühle sich wohl. „Wir sind hier voll integriert.“ Der Umzug nach England habe große Diskussionen im Familienkreis hervorgerufen.

Von einem Abschied ohne Groll zeugt, dass Benedetti zwar Ende 2015 in Ulm aufhört, aber nicht Knall auf Fall. In der zweiten Januarhälfte 2016 will er sowohl teilnehmen an einer Presseveranstaltung, auf der die in Ulm entwickelten Brandschutz-Neuigkeiten vorgestellt werden, als auch an der Verleihung des Conrad-Dietrich-Magirus-Preises.

Magirus

Das Unternehmen Im Zuge der Auflösung der großen Lkw-Produktion in Ulm hat die Fiat-Gruppe unter Führung Antonio Benedettis die Produktionsstätten im Industriegebiet Donautal in ein modellhaftes Brandschutzzentrum umgebaut. Dafür wurden seit 2012 rund 35 Millionen Euro investiert. Die Produktion läuft seither wieder unter dem Namen Magirus, der erinnert an den Brandschutzpionier und Firmengründer Conrad Dietrich Magirus (1824-95).

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Benedetti und das kleine Wunder

Das einzige, was da etwas windschief daherkommt und in einer wohl geordnete Verhältnisse gewöhnten schwäbischen Unternehmenslandschaft Anlass für Spekulationen liefern könnte: Warum geht Antonio Benedetti noch ehe geklärt ist, wer bei der Magirus GmbH sein Nachfolger wird?

Die Antwort darauf muss liegen im Reiz des Neuen, der Herausforderung, die in einer anderen Branche und einem anderen Land auf den 45-jährigen Manager wartet. Denn nichts, aber auch nichts, deutet auf irgendwelche Zerwürfnisse mit irgendjemanden hin. Offenbar musste Benedetti die sich bietende Gelegenheit in England einfach am Schopf ergreifen.

Die Verdienste des Italieners sind unbestritten. Gemeinsam mit dem Betriebsrat ist ein Totalumbau von Magirus gelungen, ohne dass die in solchen Fällen üblichen sozialen Verwerfungen entstanden wären. Was von 2011 an im Donautal passiert ist, grenzt fast an ein kleines industrielles Wunder: Es wurden keine Arbeitslosen produziert, stattdessen mehr als 1000 Arbeitsplätze durch Innovationen, neue Produktpaletten und Spezialisierungen gesichert. Mag auch nicht alles himmelblau sein überm Donautal: Kein Mensch hätte vor fünf Jahren auch nur einen Cent darauf gewettet, dass der wieder ins Zentrum gerückte Produktname Magirus bald wieder stehen würde für einen der wichtigsten industriellen Arbeitgeber in der Stadt. Antonio Benedetti hat seinen Anteil daran.