Schwimmen Männer verboten: Frauenschwimmen im Westbad

Ob mit und ohne Kopftuch, mit deutschen oder anderen Wurzeln - die Frauen im Westbad zeigen untereinander Solidarität, viele haben sich angefreundet. Foto: Rukiye Kaplan
Ob mit und ohne Kopftuch, mit deutschen oder anderen Wurzeln - die Frauen im Westbad zeigen untereinander Solidarität, viele haben sich angefreundet. Foto: Rukiye Kaplan
Ulm / YASEMIN GÜRTANYEL 25.05.2013
Anfangs mit Misstrauen beäugt, hat sich der Frauenschwimmtag im Westbad etabliert. Rund 30 Frauen kommen regelmäßig am Montagvormittag: Ältere, jüngere, einige schwimmen im Bikini, andere zeigen lieber keine Haut.

Montag, 10.30 Uhr. Ins Westbad haben Männer um diese Zeit keinen Eintritt. Das Schwimmbad gehört den Frauen - die die Gelegenheit nutzen. An die 30 sind es, grüppchenweise oder einzeln treffen sie ein, jüngere, ältere, manche sehen sportlich aus, manche weniger, manche tragen ihre Haare offen, manche haben ein Kopftuch darüber gezogen.

Dass die Frauen männerfreie Zone haben, ist vor allem Rukiye Kaplan zu verdanken, die das Frauenschwimmen vor rund zwei Jahren durchgesetzt hat. Gegen nicht unerheblichen Widerstand. "Einen Tag für Frauen, wozu braucht man das denn?", lautete der Vorwurf. "Die sollen sich gefälligst integrieren", schoben viele nicht nur in Gedanken nach. Denn genutzt wurde der Frauentag zu einem großen Teil von muslimischen Frauen, die unter Männern nicht ins Wasser wollten.

Inzwischen haben sich die Wogen weitgehend geglättet, vor allem weil der Tag sich nicht mehr mit den öffentlichen Schwimmzeiten überschneidet. Wellen schlagen jetzt nur noch die - übrigens nicht nur muslimischen - Frauen im Nichtschwimmerbecken des Westbads. Viele können nicht gut schwimmen, zumindest nicht zu Beginn der Kurse, die die Schwimmlehrerin Susanne Mayer anbietet. Die Angst vor dem Wasser, die vor allem für die Älteren oft eine Hürde ist, versucht sie mit Hilfe der "Schwimmnudel" zu nehmen - und vor allem mit guten Zureden.

Rukiye Kaplan und Susanne Mayer paddeln von Frau zu Frau, ermutigen oder geben Hilfestellung. Eine Frau, die sie nach längerem guten Zureden dazu gebracht hat, die Beine vom Boden zu nehmen und sich vom Wasser tragen zu lassen, sei ihr hinterher um den Hals gefallen, erzählt Kaplan. "Rukiye, ich kann schwimmen!", hat sie gerufen.

Diese offensichtliche Begeisterung hat auch die Skepsis einiger alteingesessener Badegäste gemildert. "Ich schwimme hier nur, weil mir der Montag passt", betont zwar eine Frau. "Deutsche Frauen brauchen keinen Extra-Frauentag." Auch wenn ihr die Schwimmkleidung einiger Mitschwimmerinnen immer noch suspekt ist - neben Frauen, die im Bikini baden, gibt es auch solche, die einen Ganzkörperanzug tragen - sagt sie: "Aber ich finde es inzwischen gut, dass es den Tag gibt. Die Frauen haben so viel Spaß, und einige würden sonst wohl gar nicht Schwimmen gehen."

Zusammen mit Männern ins Wasser zu gehen, könnte sich die 43-jährige Kizbez Agbulak in der Tat nicht vorstellen. Seit einem halben Jahr kommt sie her, davor war sie mittwochs in Neu-Ulm, wo es schon seit Jahrzehnten einen Frauenschwimmtag gibt. "Es ist gut für die Gesundheit, und ich habe hier Freundinnen gefunden", sagt sie.

Die gute Atmosphäre und die Solidarität der Frauen untereinander sind auch einer der Gründe, warum Susanne Mayer die Gruppen von jeweils zehn Frauen so gerne unterrichtet. Einige stehen am Rand und unterhalten sich - und werden nach wenigen Minuten von Rukiye Kaplan aufgescheucht. Mehr oder weniger schuldbewusst nehmen die Frauen den Kampf mit dem Wasser wieder auf. Wenn dabei die Kräfte ausgehen, zieht die eine die andere an den Armen weiter, damit auch Schwächere die richtige Beinbewegung üben können. So wie die 31-jährige griechischstämmige Russin Aristinova Lamara, die ihrer Freundin Elena Schaff (43) hilft. "Ich habe noch Angst vor dem Wasser", hatte diese zuvor gestanden. "Aber ich will es unbedingt lernen."

Die 52-jährige Hatice Gürel bezeichnen Kaplan und Mayer als ihre "dritte Kraft", weil sie die anderen unermüdlich motiviert und ihnen hilft. Sie selbst ist von Anfang an dabei und konnte schon schwimmen, als sie zur Gruppe stieß. "Aber hier habe ich Dinge wie Rückenschwimmen und Tauchen gelernt", sagt sie. Zwar geht sie auch gerne mit ihrem Mann schwimmen, aber "ohne Männer macht es viel mehr Spaß", meint sie lachend. Frauen seien eben auch mal gerne unter sich. Das sieht auch Yilmaz Sevgi so, die auch zusammen mit ihrer Familie gerne schwimmt, sich aber sehr auf die Schwimm-Montage freut.

Dass die Frauen untereinander so gut auskommen, freut Rukiye Kaplan. Denn die Frage "Kopftuch oder nicht" birgt auch unter Türken durchaus Sprengstoff. "Das ist hier Integration pur", betont Kaplan. Verschiedene Nationen, verschiedene Weltsichten, alle werden im Wasser vereint. Und auch die Generationen, denn inzwischen hat sich eine Schülergruppe dazugesellt. Dadurch wird es zwar etwas enger, aber die Menschen kommen miteinander in Kontakt, das wiege den Nachteil wieder auf. "Wir lernen hier alle Toleranz", sagt Kaplan.

Nur bei einem Punkt bleibt sie hart: Wenn jemand nicht akzeptiert, dass auch männliche Bademeister zugegen sind. "Für so eine Diskussion habe ich keine Zeit." Für die Frauen ist das kein Problem, auch Kizbez Agbulak siehts gelassen: "Die Bademeister sind okay."

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