Neu-Ulm Lustig, aber ein bisschen viel: Literarische Guerilla-Aktion im Theater Neu-Ulm

Bedächtig, tragend las der Neu-Ulmer Autor Jörg Neugebauer seine „geraubten“ Texte.
Bedächtig, tragend las der Neu-Ulmer Autor Jörg Neugebauer seine „geraubten“ Texte. © Foto: Lars Schwerdtfeger
NINA ALBUS 12.07.2016
Regionale Autoren imitieren im Theater Neu-Ulm große Literaten, und das Publikum versucht, das Original zu erkennen. Gute Idee, lückenhafte Inszenierung.

Welcher Text ist das Original? Welche Texte sind neu erfunden? Auf dieses Rätselspiel ließ sich im Theater Neu-Ulm ein überschaubares Publikum ein. Dorthin hatte Intendant Heinz Koch unter dem Titel „Von Calliope wild geküsst. Literatur-Guerilla-Aktion“ zu einem Literaturabend der etwas anderen Art eingeladen.

Das Prinzip des Abends: Sechs regionale Autoren, von denen zusammen mit Heinz Koch fünf anwesend waren, hatten jeweils sechs Texte zu sechs Werken berühmter Schriftsteller wie Salman Rushdie oder Richard David Precht vorbereitet. Der Reihe nach wurden sie vorgetragen.

Zum Beispiel die Texte zu Timur Vermes’ Roman „Er ist wieder da“, die alle mit demselben Satz beginnen: „Politiker beim Sport, das ist fast immer eine Zumutung für die Bevölkerung.“ Jeder der sechs imitierenden Autoren versucht auf seine eigene Art, die Sprache Adolf Hitlers, des fiktiven Erzählers in Vermes’ Roman, nachzuahmen.

Sehr gelungen war dabei der Beitrag Fee Katrin Kanzlers, die bereits den Förderpreis der Stadt Ulm erhalten hat und deren zweiter Roman in Kürze erscheint. Sie rollte das R tatsächlich so, wie es Hitler tat.  Der Neu-Ulmer Autor Jörg Neugebauer liest seine Texte bedächtiger, tragend, fast pathetisch, aber sehr gut verständlich: „Politik ist Kunst und kann nichts anderes sein.“

Doch wie gelingt es dem Publikum, das Original zu erkennen? „Das ist wie bei einem Krimi“, ermutigt Heinz Koch, „in jedem Text gibt es Indizien, die verraten – aha –, das kann nicht das Original sein.“ Zum Beispiel, wenn der Journalist und Frontmann der Ulmer Band Gono Cocks, Bernd Rindle, in seinem Text zu Rafik Schamis Roman „Das Geheimnis des Kalligraphen“ das Schlagwort „Geiz ist geil“ verwendet.

Keine Frage, die Texte der Autoren sind gelungen, teils witzig, teils poetisch. Doch leider scheiterte der mehr als zweistündige Abend an einer lückenhaften Inszenierung. Insgesamt waren es zu viele Texte und zu viele Autoren, so dass es für den Zuschauer schwierig war, sich immer wieder in die neuen Szenen und Texte einzufinden. Schlussendlich ging der große Plan jedoch auf, und alle Original-Texte wurden erraten.