Lost and Found

FRANZISKA OBLINGER 17.09.2016

Im vergangenen Jahr wurde ein Rollstuhl gefunden. Die Betreiber des Riesenrads hatten ihn am Behindertenzugang entdeckt, als sie die Anlage am späten Abend absperrten. Sie gaben ihn beim Oktoberfest-Fundbüro ab. „Das war schon sehr merkwürdig und kurios“, erinnert sich der Fundbüro-Leiter Hubertus Busch. Denn wie kommt ein gehbehinderter oder gar gelähmter Wiesn-Besucher vom Riesenrad-Ausgang wieder nach Hause? Und warum lässt er seinen Rollstuhl stehen?

Das Fundbüro der Stadt München ist eine feste Größe auf der Wiesn. In den unterirdischen Räumen – offizielle Adresse Matthias-Pschorr-Straße 4 – sind zehn Mitarbeiter im Schichtbetrieb von 8 Uhr morgens bis 0.30 Uhr in der Nacht tätig. In den Festzelten auf dem Oktoberfest wird gefeiert, gejohlt, getrampelt, manchmal kommt es zu Exzessen. Bei den Fahrgeschäften geht es um Tempo und Nervenkitzel, die Schausteller bieten Unterhaltung und ein bisschen wohligen Horror. Das Fundbüro hingegen wird tagtäglich sowohl zum Ort der Tränen und Enttäuschung als auch der Freude und Erleichterung.

„Ab 13 Uhr haben wir Parteienverkehr“, sagt Hubertus Busch. Parteienverkehr klingt bürokratisch, aber so nennt man das eben auf dem Amt. Auf der Wiesn bedeutet es: An die hundert Menschen stehen schon am Mittag Schlange vor der Tür. Menschen, die etwas vermissen, die hoffen, es wiederzufinden. „Der eine oder andere ist da leider schon völlig besoffen“, erzählt Busch. „Dann macht das keinen Sinn und wir sagen, er soll morgen wiederkommen.“

Die Mitarbeiter im Fundbüro sind am Puls der Zeit. Sie erleben anhand der Fundstücke den Wandel im Alltag der Gesellschaft, erkennen die Trends. 3665 Fundsachen wurden im vergangenen Jahr nach den Vorschriften der Verwaltung registriert. An der Spitze liegen die Dinge, die immer gern verloren gehen: 804 Ausweise, 743 Kleidungsstücke wie Jacken oder Mützen und 742 Geldbeutel. Dann kommen aber schon 479 Handys. Im Vergleich dazu wurden nur 35 Kameras gefunden – ein klarer Hinweis, dass Fotos auf der Wiesn kaum mehr mit der Digitalkamera gemacht werden, sondern mit dem Smartphone.

„Die Wilde Maus ist dran schuld“, sagt Hubertus  Busch und lacht. Das ist der Klassiker: Das Handy sitzt locker in der Brust- oder Hosentasche. „Steilfahrten, Ecken und Kurven, Raserei“, so wirbt das Fahrgeschäft für seine 370 Meter lange Bahn. Doch nicht nur die Wilde Maus ist gefährlich fürs Handy, auch die Olympia-Achterbahn „High Energy“, wo die Fahrgäste in großer Höhe in alle Richtungen geschleudert werden, wo sich oben und unten, links und rechts verkehren. Manchmal wird dabei der Mageninhalt hinausbefördert, manchmal das Handy auf den Boden geschleudert. „Dementsprechend sehen die Geräte dann aus“, meint Fundbüro-Chef Busch trocken.

Da vor allem viele junge Leute große Teile ihrer Identität im Smartphone haben, schmerzt ein solcher Verlust besonders. Selbst wenn es beim Fundbüro entdeckt wird und noch funktioniert:  „Man bekommt das nicht ohne Weiteres wieder ausgehändigt“, so der städtische Mitarbeiter. Eine Simkarten-Nummer muss angegeben werden, eine weitere Nummer auch noch. „Das wird dann schwierig für Leute, die aus Neuseeland oder den USA aufs Oktoberfest gekommen sind.“

Hubertus Busch und seine Mitarbeiter erleben Momente der Verzweiflung und Augenblicke des Glücks. „Manche werden richtig aggressiv, wenn wir ihre verlorenen Sachen nicht haben.“ Doch er erinnert sich auch an einen „Herrn Prof. Dr. Dr.“ vom letzten Jahr, der vor Freude losweinte, als man ihm seine billige Digitalkamera zurückgeben konnte. Oder an den Schausteller, der völlig durch den Wind war, weil er die Schlüssel für die gesamte Schließanlage seines Fahrgeschäftes verloren hatte.

Der „absolut ehrlichste Finder“ des letzten Jahres ist für Busch ein unbekannter Mann, der eine Aktentasche abgegeben hatte – mit Laptop, i-Pad sowie 10 000 Euro Bargeld. „Respekt“, sagt der Leiter dazu, dass das Geld unangetastet blieb. Dafür muss der Besitzer einen genau festgelegten „Kostenersatz“ ans Amt bezahlen. Dieser reicht je nach Gegenstand und Wert von drei bis zu mehreren Hundert Euro. Bei dem Bargeld waren es drei Prozent, also 300 Euro.

Fundsachen geben Rätsel auf, erzählen Geschichten. Im letzten Jahr gab es etwa eine Klobürste und eine Reitpeitsche. Gefunden wurden auch ein Gebiss und ein Clownskostüm. Und Bettwäsche von der Gewerkschaft der Polizei. Für Gedankenspiele sorgen zwei Lederhosen und zwei Dirndl. Falls sich die Besitzer ohne Kleidung miteinander beschäftigt haben, bleibt die Frage, wie sie nach ihren Aktivitäten nach Hause oder ins Hotel gekommen sind.

Und da war die Sache mit dem einsamen Rollstuhl nachts vor dem Riesenrad. Er ist wieder zurück bei seinen Besitzern, einem Ehepaar aus der Schweiz. Ein Bekannter von ihnen hatte von der Geschichte gehört, denn sie ging durch die Medien, und den Rollstuhl erkannt. Sie haben ihn abgeholt. Das Gefährt, so ihre Auskunft, hatten sie vor der Riesenradfahrt einer unbekannten Dame gegeben, die auf ihn aufpassen wollte. Als das Ehepaar nach der Fahrt zurückkehrte, sei die Frau mitsamt dem Rollstuhl weg gewesen. Nachts war der Stuhl wieder da – ohne Aufpasserin.

Insgesamt ist die Erfolgsbilanz des Wiesn-Fundbüros aber recht ernüchternd. Nur 20 Prozent der Fundstücke gelangen schlussendlich wieder zu ihren Besitzern. Für vier von fünf Sachen heißt es hingegen: einmal verloren, immer verloren. Nach dem Oktoberfest werden die Dinge bis zum Januar des kommenden Jahres in der Zentrale des Fundbüros ausgestellt. Danach werden sie versteigert. Da ist dann wieder viel los, zu der Veranstaltung kommen mehr als 500 Kaufinteressenten und Schaulustige.