Die junge Frau lächelt. Sie hat ihren Kopf leicht nach rechts gekippt, hinter ihr ist eine kleine Insel zu sehen. Ihre blauen Augen strahlen. So wie das Sonnenlicht, das sich im Wasser spiegelt.

Das Foto von Lisa Gröber steht im Wohnzimmer ihrer Eltern in Eggingen. Nur wenige Meter entfernt sitzt ihre Familie am Esstisch. Vater, Mutter, Bruder, Freund. Sie haben die Kerzen angezündet. Draußen ist es dunkel und kalt – Weihnachten steht vor der Tür. Auch die Gröbers freuten sich auf das Fest: Mutter Kerstin hatte schon einen Weihnachtspullover für ihre Tochter gekauft. Doch Lisa bekam keine Gelegenheit mehr, ihn anzuprobieren. Sie starb am 19. November. Im Alter von 23 Jahren.

Strahlende Augen, sympatisches Lächeln und eine positive Lebenseinstellung: So bleibt Lisa Gröber in Erinnerung.
Strahlende Augen, sympatisches Lächeln und eine positive Lebenseinstellung: So bleibt Lisa Gröber in Erinnerung.
© Foto: privat

Lisa Gröber aus Ulm: Kampfgeist und Optimismus

Am linken Ende des Holztisches sitzt Nicolas Zagorec. Von seinem Platz aus kann er das Bild seiner Freundin sehen. „Ich tue mich am schwersten damit, es zu realisieren. Es ist für mich unvorstellbar“, sagt er. Der 27-Jährige kannte Lisa seit 2015, sie hatten sich zufällig über das Internetportal „Team-Ulm“ kennengelernt. Aus dem Chat wurde Liebe. In den vergangenen Monaten machte der Erminger regelmäßig Überstunden, fuhr jede Woche über 1.000 Kilometer – alles, um am Wochenende  bei seiner Freundin im Berliner Krankenhaus zu sein. Er war für sie da. Auch am 12. November. Der Tag, an dem Lisas Geschichte eine letzte tragische Wendung bekam.

Brustkrebs: Lisa Gröber starb am 19. November

Dabei war die Situation nicht außergewöhnlich. Ja, schon fast Routine. Wieder gab es Komplikationen, wieder mussten die Ärzte operieren. Doch die OP verlief nicht wie gewollt. Im Gegenteil: „Ab da war alles anders. Sie konnte sich nicht mehr mit uns unterhalten“, sagt Berthold Gröber, Lisas Vater. Am 14. November wurde die 23-Jährige noch ein letztes Mal operiert. Fünf Tage später starb Lisa im Deutschen Herzzentrum in Berlin.

Der Schock bei den Angehörigen sitzt tief. „Es gibt Nächte, da bin ich um drei Uhr noch wach und weiß nicht, warum“, sagt Lisas Bruder Christian. Die Familie hat Lisa auf ihrem gesamten Weg begleitet, war bei ihr, als sie mit 12 Jahren ein neues Herz brauchte. Als sie am Norovirus erkrankte. Als sie zwei Mal die Horror-Diagnose Krebs bekam (wir berichteten).

Die Familie von Lisa (von links nach rechts): Christian Gröber, Nicolas Zagorec, Kerstin Gröber und Berthold Gröber.
Die Familie von Lisa (von links nach rechts): Christian Gröber, Nicolas Zagorec, Kerstin Gröber und Berthold Gröber.
© Foto: Christian Kern

Familie und Freund pendelten zwischen Ulm und Berlin

Selbst als sie im 600 Kilometer entfernten Berlin lag, wichen die Gröbers nicht von ihrer Seite. „Wir haben uns abgewechselt, damit immer einer bei ihr war. Am Wochenende waren wir alle da“, sagt Berthold, Lisas Vater.

Um vier Uhr morgens aufstehen, sich ins Auto setzen, quer durch Deutschland fahren, Lisa besuchen – so sah der Alltag der Gröbers aus. Sie schliefen in einem Zimmer der McDonald’s Kinderhilfe, das sie über Kontakte bekommen hatten. An den Wochenenden schlief Nicolas Zagorec mit den Eltern im Zimmer. Freund und Familie versuchten, sich gegenseitig zu entlasten.

Auch Lisa tat alles, um die trübe Situation aufzuhellen. Als ihre Eltern am 25. Hochzeitstag in Berlin waren, überraschte die 23-Jährige die beiden mit einem Gutschein für eine Therme, den sie vom Krankenbett aus bestellt hatte. „Wir waren immer wieder ein bisschen verzweifelt, aber Lisa hat gesagt: Doch, das wird“, erzählt Vater Berthold. Diesen Optimismus habe sie immer gehabt. Bis zum letzten Tag.

Lisa liebte es, zu reisen und auf Konzerte zu gehen

„Lisa hat ihr Leben genossen“, sagt Mutter Kerstin. Wenn sie nicht im Krankenhaus war, habe sie ihre Liebsten mit Geschenken überrascht. Selbst gebastelt. Völlig spontan. So wie ihre Reisen. Lisa fuhr mit ihrem Freund nach Österreich, Italien und Kroatien. Die junge Frau liebte es zudem, Konzerte zu besuchen. Sie ging zu Ed Sheeran, Namika und natürlich zu ihrem großen Idol: Justin Bieber. „Einmal sind wir extra zu einem Festival nach Frankfurt gefahren, weil Justin Bieber der Hauptact war“, sagt Zagorec. Auch im Frühjahr 2019 vereisten die beiden nach Österreich. Ein paar Wochen später kehrte der Krebs zurück.

„Da ist für uns alle eine Welt zusammengebrochen“, sagt Berthold. Doch die Familie kämpfte. Auch als der Heilungsprozess nicht vorankam. Auch als die Ärzte im Ulmer Uniklinikum sagten, dass sie Lisa nicht mehr helfen können. Sie suchten gemeinsam nach neuen Kliniken, bekamen schließlich einen Platz im Deutschen Herzzentrum in Berlin. „Die Ärzte in Berlin haben bis zur letzten OP jeden Strohhalm gezogen“, sagt Berthold.

Auf dem Tisch der Gröbers liegt ein dicker Stapel Briefumschläge. Seitdem Lisa im Juli ihre Geschichte per Facebook öffentlich gemacht hat, ist sie zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Ihr Schicksal und ihr Kampfgeist berührte die Menschen in ganz Deutschland. Ihr Facebook-Post wurde mehr als 110.000 Mal geteilt. „Es kamen Leute zu mir, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, und haben gefragt, ob ich mit Lisa verwandt bin“, sagt Christian Gröber.

Große Anteilnahme am Schicksal von Lisa Gröber

Auch nach ihrem Tod sei die Anteilnahme gigantisch. Die Leute schreiben Briefe, schicken der Familie Geld. Geld, das die Gröbers komplett spenden wollen – an die McDonald’s Kinderhilfe, die sie viele Jahre unterstützt hat. Die Bestattung soll im engsten Familienkreis stattfinden. „Lisa wird in unserem Herzen bleiben“, sagt Vater Berthold. „Sie ist unsere Tochter, sie war unsere Tochter und sie wird immer unsere Tochter bleiben.“

Herztransplantation, Norovirus, Brustkrebs


Lisa Gröber wird 1996 geboren. Als sie 12 Jahre alt ist, bemerkt ein Arzt, dass ihr Herz unnormal vergrößert ist. Sie braucht eine Herztransplantation. Vier Wochen nach der OP erkrankt Gröber am Norovirus. Im Alter von 20 Jahren entdecken Mediziner bei ihr einen Tumor in den Lymphknoten. Gröber besiegt den Krebs, und soll zwei Jahre später ein neues Herz bekommen. Bei der Voruntersuchung stellt sich heraus, dass sie Brustkrebs hat.

Ein Facebook-Post berührt Deutschland: Gröber macht im Juli ihre Geschichte öffentlich. Die Resonanz ist überwältigend. Mehr als 110 000 Menschen teilen den Beitrag. Tausende bieten Unterstürzung an.