Sozial Lions-Markt zugunsten sozialer Projekte am Samstag im Kornhaus

Ulm / CHRISTINE LIEBHARDT 13.09.2016
Konsumieren und dabei Gutes tun: Das geht wieder auf dem Markt des Lions Clubs im Kornhaus. Der Erlös geht an den Verein Ulms kleine Spatzen. <i>Mit einem Kommentar von Christine Liebhardt: Auch Mädchen wollen klettern</i>.

Drei Mini-Projekte im Sozialraum Wiblingen, um möglichst viele Kinder zu erreichen: In sie soll der Erlös des am Samstag im Kornhaus stattfindenden Lions-Marktes fließen. Dort verkaufen die Mitglieder Kleidung, Bücher, Kunst und vieles mehr für den guten Zweck. Schirmherr ist OB Gunter Czisch, Empfänger der Spende ist in diesem Jahr der Verein Ulms kleine Spatzen, der seit 2012 niederschwellige Hilfe für Kinder in Not bietet.

„Wir suchen gezielt Projekte und verknüpfen sie mit einem Spender“, erklärt Carmen Held vom Verein auf einem Pressetermin das Vorgehen. Sie brachte Jörg Seifert, Präsident des Lions-Clubs Ulm/Neu-Ulm, mit Helmut Schnurr vom Ulmer Jugendamt zusammen. „Wichtig für uns war, Kinder und Jugendlich im Alter zwischen 8 und 14 Jahren mit sozialen Problemen zu erreichen, die Vorbilder und Halt in der Gesellschaft suchen“, betont Seifert. Es gebe reges Interesse an den Projekten, für die das Jugendamt das Personal bereitstellt: Erstens, eine erlebnispädagogische Jungengruppe. Mit ihr sollen Jugendliche angesprochen werden, die in der ohnehin schwierigen Phase der Pubertät mit zusätzlichen Problemen belastet sind – Arbeitslosigkeit oder Erkrankung der Eltern zum Beispiel oder Migration. Größtenteils in der freien Natur sollen die Jungs von Oktober an über ein halbes Jahr gemeinsam klettern, Kanu fahren, Bogenschießen oder Grillen und so Vertrauen und Selbstbewusstsein aufbauen.

Das zweite Projekt: Ein Selbstverteidigungskurs für Mädchen, die in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwachsen und besonders gefährdet sind, Opfer von (sexueller) Gewalt zu werden. Er besteht aus einem Wochenend-Workshop und fünf Folge-Trainings, in denen den Zehn- bis Zwölfjährigen Techniken gezeigt werden, um sich gegen körperliche Angriffe zu wehren. Damit es gar nicht soweit kommt, sollen die Mädchen lernen, eigene Grenzen abzustecken bedrohliche Situationen zu erkennen und abzuschwächen.

Drittens: Ein geschlechtergemischtes Spiel- und Theaterprojekt, das die Persönlichkeitsentwicklung unterstützen und das Selbstbewusstsein stärken soll. Die Treffen sind über vier Monate angelegt.

Der Markt im Kornhaus ist von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Vor zwei Jahren hatten die Lions ehrenamtlich 15.000 Euro erwirtschaftet.

Ein Kommentar von Christine Liebhardt: Auch Mädchen wollen klettern

Jungs gehen Kanufahren und Klettern, Mädchen lernen, bedrohliche Situationen zu entschärfen. Die einen erfahren sich selbst als Helden, die anderen lernen spätestens mit zehn, elf Jahren, dass sie Opfer werden können, sich wehren müssen. Welches Erleben stärkt das Selbstwertgefühl?

Beide Projekte, für den Spender Lions Club von Ulms Kleine Spatzen mit dem Jugendamt entwickelt, verfolgen gute Ansätze. Auch gegen getrennte Gruppen ist pauschal nichts einzuwenden. Gar keinen Grund allerdings gibt es dafür, dass nur männliche Jugendliche mit problembelasteten Hintergründen über ein halbes Jahr hinweg beim Grillen und Geo-Caching Selbstbewusstsein aufbauen sollen – und nur Mädchen Hilfestellung in Form eines Selbstverteidigungskurses mit mageren sechs Terminen bekommen. Missbrauch, der ohnehin meist im familiären Umfeld und Bekanntenkreis stattfindet, kommt auch bei Jungen vor. Und spätestens seit Tribute-von-Panem-Heldin Katniss Everdeen wollen auch Mädchen mit Pfeil und Bogen schießen.

Warum also nicht beide Projekte für beide Gruppen anbieten? Verständlich der Wunsch des Spenders, dass Angebote auch angenommen werden. Doch manchmal muss man nachhelfen und aufhören, schon früh in Schubladen zu sortieren. Denn die setzen sich fort: in Schule, Ausbildung und Berufsleben. Und dann jammern wir in zwanzig Jahren immer noch, dass es keine echte Gleichberechtigung gibt.

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